IN ABETRACHT DES DUNKLEN

 

Aiden in der Live Music Hall, Köln (31. Januar 2006)


William Francis bezeichnet sich gerne als einen Filmfreak, dessen Lieblingsgetränk schwarzer Kaffee ist. Jemand, der, wenn es der Terminplan zulässt, gerne in Seattle mit seinen Freunden abhängt und gerade seinen Honda Civic an seinen Bruder verkauft hat. Warum er dies getan hat, ist eigentlich ganz einfach. William Francis ist der Frontmann von AIDEN und tourt mit seiner Band unentwegt über den Erdball, um Abend für Abend die Clubs dieser Welt zu rocken. AIDEN haben mit "Nightmare Anatomy“ ein Album auf den Markt gebracht, das die Kritiker sehr erfreute und Fans von Bands wie My Chemical Romance oder From First To Last direkt anspricht. Düstere Texte mit der Energie des Emocores.

 

getaddicted: Hi Wil. Wie läuft die Tour mit Bullet For My Valentine?
Wil: Sie läuft blendend. Wir hatten jetzt einige Tage frei und haben uns in London umgeschaut. Als ich dann gestern in den Tourbus stieg, wachte ich heute dann hier in Köln auf. Es macht auf jeden Fall viel Spaß, hier in Europa zu sein.

getaddicted: Es ist jetzt das zweite Mal, dass ihr hier in Köln spielt. Das erste Mal war letzten Herbst mit The Hurt Process. Ein entscheidender Faktor ist, dass ihr heute Abend vor ausverkauftem Haus spielt und nicht wie damals vor 50 Leute im Underground.
Wil: Ich bin echt überrascht, dass wir heute Abend vor ausgeverkauftem Haus spielen. Aber Bullet For My Valentine sind schon eine klasse Band, die in England und so wie es aussieht, auch hier in Deutschland, mega-angesagt ist. Wir sind glücklich, dass wir mit ihnen auf Tour sein können, denn es bedeutet uns halt sehr viel, gerade hier in Europa vor so vielen Leuten zu spielen. Auch wenn sicherlich die meisten halt wegen Bullet da sind.

getaddicted: Wie war dein erster Eindruck von Deutschland?
Wil: Er war großartig. Die erste Stadt, die wir gesehen haben, war Saarbrücken. Das Konzert war ziemlich undergroundmäßig und ausverkauft. Die Kids sind völlig ausgerastet und ich dachte mir, "Fuck Yeah" so kann es weitergehen (grinst). Und das hat sich bis jetzt nicht geändert. Auch wenn die Show damals in Köln sehr mager war, haben wir hier eine richtig tolle Zeit gehabt, die unsere Vorstellung weit übertroffen hat.

getaddicted: Euer Bandname stammt aus dem Film "THE RING". Dort gibt es einen Jungen namens Aiden. Hat der Charakter dieser Figur Parallelen zur Band?
Wil: Nein, eigentlich nicht. Unser Drummer kam mit diesem Namen in unseren Proberaum. Da wir alle den Film ziemlich cool finden, haben wir uns kurz entschlossen, uns so zu nennen.

getaddicted: Ihr selbst bezeichnet eure Musik als "Horror-Punk". Was ist typisch für solch einen musikalischen Ausdruck?
Wil: Ich glaube, dass es an unseren Texten liegt, dass der Ausdruck "Horror-Punk" gut dazu passt. Wir haben ja durchweg sehr dunkle Themen, über die wir singen.


EIN "FUCK YOU!" AN DIE MAULZEIRREISSER


getaddicted: Auf eurem ersten Album „Our Gangs’ Dark Oath“ gibt es den Song: "I set my friends on fire". Müssen ja nette Freunde sein.
Wil: (lacht) Ja, es ist halt ein Song über Freunde, die man im Leben nun mal so hatte. Ich hatte mal eine Freundin, und als diese Beziehung zu Ende war, haben mich viele meiner Freunde als ein Stück Scheiße bezeichnet, und ich wusste nicht, warum sie es taten. Viele meiner Freunde mieden mich und ich verlor sie letztendlich. Nur die wahren Freunde hielten noch zu mir, und deshalb habe ich diesen Song geschrieben, der diese Situation aus meiner Sicht wiedergibt.
getaddicted: Ihr schreibt sehr viel aus persönlicher Sicht...
Wil: Wir schreiben alles aus unserer Sicht. Es passiert so viel in unserem Leben, und wir sind nicht die Typen, die sich etwas Fiktives ausdenken, um drüber zu singen.
getaddicted: Dann frage ich mich, wen ihr denn gerne in der Höhle sehen möchtet, in Anspielung auf den Song "See you in Hell"?
Wil: Dieser Song ist ein großes "Fuck You" an alle Leute, die es mir in den Jahren zuvor nie geglaubt haben, dass ich was mit meiner Musik erreichen werde. Wir alle sind ja im Laufe der Jahre belächelt worden, und es haben nicht alle an uns geglaubt. All diesen Leute, die sich oft das Maul zerrissen haben, ist dieser Song gewidmet. Musik ist mein Leben, und ich hab immer für die Musik gelebt.

getaddicted: Glaubst du daran, dass du in der Hölle enden wirst?
Wil: (lacht). Ohje, ich weiß nicht. Ich weiß wirklich nicht, was nach meinem Tod mit mir passiert.
getaddicted: Also keine religiösen Ansichten?
Wil: Ich bin ziemlich religiös aufgewachsen und hab als Jugendlicher auch diesen Glauben mit mir getragen. Nun bin ich älter und da hat sich meine Denk- und Glaubensweise doch geändert. Wenn ich sterben werde, wird was mit mir schon passieren, nur was, dass weiß ich keineswegs.

getaddicted: Von eurem Album "Nightmare Anatomy" habt ihr in sieben Wochen über 20.000 Einheiten verkauft.
Wil: Ja, dass stimmt, und es ist ziemlich unglaublich für uns gewesen. Wir sind ja nur eine kleine Band aus Seattle, und dass wir dann solche Verkaufszahlen haben, hat uns echt umgehauen. Als wir unser erstes Album aufnahmen und davon schon 1.000 Alben verkauften waren wir so stolz auf uns...1.000 und dann 20.000...das sind Dimensionen, worüber man zu Beginn wirklich nicht nachdenkt. Mittlerweile liegen die Zahlen auch bei 45.000 Einheiten, tja, was soll man dazu noch sagen?


KEIN TRAUM VOM MAJOR-LABEL


getaddicted: Stimmt es, dass die Jungs von Silverstein euch geholfen haben, den Deal bei Victory Records zu bekommen?
Wil: Das ist richtig. Wir haben uns das erste Mal getroffen, als Silverstein gemeinsam mit Strike Anywhere in Seattle spielten. Wir haben uns gleich verstanden, und sie mochten unsere Musik. Wir haben ihnen unsere Demos gegeben, und sie haben es dann an Victory Records weitergeben. Die haben uns dann einige Male bei Shows besucht, wo wir überzeugten und den Deal angeboten bekommen haben.
getaddicted: Schwillt einem da die Brust, wenn solch ein Label wie Victory Records einem einen Plattenvertrag anbietet?
Wil: Auf jeden Fall. Victory Records hat so viele großartige Bands, und es ist eine Ehre für uns, ein Teil dieses Labels zu sein. Dort sind nur Bands drauf, die wirklich hart arbeiten und ständig auf Tour sein müssen, um überleben zu können. Bands wie Taking Back Sunday oder Atreyu sind bzw. waren Aushängeschilder, die ich persönlich sehr schätze und liebe.
getaddicted: Für einige Bands war Victory Records der Sprung zum Major-Label. Träumt ihr über solch eine Zukunft auch?
Wil: Nein! Ich will eigentlich immer auf einem Indie-Label sein. Alle Bands, die ich mag, die mich persönlich beeinflusst haben, waren alle auf einem Indie. Ich brauch keine Band, die auf einem Major ist und deshalb habe ich nie das Ziel, irgendwann dort zu sein. Ich hab immer davon geträumt, irgendwann mal bei Epitaph, FatWreck, Hopeless oder Fearless zu landen. Jetzt sind wir bei Victory, die ein perfektes Umfeld für uns bieten. Sie schicken uns ständig auf Tour, haben einen großen Internetauftritt und ein eigenes Magazin. Viel Arbeit und Energie wird von deren Seite investiert, und wir haben dort die Chance gehabt, ein Album zu veröffentlichen und hoffen, dass wir Ende dieses Jahres mit dem Nachfolger anfangen können.

getaddicted: Bands wie My Chemical Romance, From First To Last und auch ihr scheint auf einer Welle des Erfolgs zu schwimmen. Wie kommt es, dass plötzlich so viele an diesem etwas "dunklen" Emocore interessiert sind?
Wil: Ich weiß nicht, warum plötzlich dieses Interesse herrscht. Aber diese dunklen Seiten waren schon immer in der Musik ein Thema und haben viele Menschen angesprochen.
getaddicted: Was denkst du denn, wenn du ins Publikum schaust und alle Kids sehen gleich dunkel geschminkt aus und gleichen sich wie ein Ei dem anderem?
Wil: Wenn wir alle in einem Raum gleich aussehen, hat das was von einer großen Gang. Ich finde, dass es was Positives hat, dass dieses Publikum mit der Band und miteinander verbindet. Aber Bands wie My Chemical Romance und From First To Last sind klasse Musiker, schreiben wirkliche gute Songs und sind live großartig. Deshalb ist dieser Erfolg in erster Linie musikalisch zu betrachten und nicht aufgrund deren Image.

getaddicted: Ich hab gelesen, dass ihr von einer Klamottenfirma gesponsert werdet.
Wil: Ohja, das werden wir. Wir haben einige Firmen, die uns Zeug schicken, was wir dann bei Fotoshootings präsentieren. Es ist ein Nehmen und Geben, und es ist cool, wenn wir halt das Zeug kriegen. Man spart da einiges (grinst).


WARPED TOUR IST SCHON DAS HÄRTESTE


getaddicted: Ihr habt eine sehr coole Homepage, die besonders durch ihr Design auffällt. Seid ihr selbst aktiv auf dieser Seite und tragt eigene Sachen dazu bei ?
Wil: Danke, dass dir unsere Homepage gefällt. Wir schreiben schon die News bei uns selbst ein und updaten diese auch regelmäßig. Der Rest der Homepage wird von einem Typen gepflegt, der von Victory Records beauftragt wurde.
getaddicted: Auf myspace seid ihr natürlich auch, aber hat auch jeder seinen eigenen persönlichen Profil?
Wil: Ja, einige von uns haben auch dort ihr eigenes Profil geschaltet. Aber ich persönlich finde diese Plattform für uns als Band viel interessanter.

getaddicted: Dieses Jahr werdet ihr auf der Warped Tour sein. Wie oft denkt man jetzt schon darüber nach?
Wil: Ziemlich oft. Es wird unser bisheriges Highlight als Band sein, mit solch großartigem Bands wie Bad Religion und NOFX auf Tour zu gehen und dabei quer durch die Staaten zu reisen. Es ist schon das härteste, was man als Band in den Staaten so erleben kann. Meine Freude darüber kann man kaum in Worte fassen, weil ein Traum für mich in Erfüllung geht.
getaddicted: Dann ist das Jahr 2006 quasi für euch schon recht verplant.
Wil: So kann man es sagen. Wir werden den ganzen Sommer halt die Warped Tour spielen und dabei auch schon die neuen Songs schreiben, um nach der Tour direkt ins Studio zu gehen um aufzunehmen.

 

 

Interview: Markus Tils