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WENIG ÜBERZEUGENDER RÜCKWÄRTSSALTO MIT DEM KART
Ein Interview über Interviews mit Alexisonfire im Underground, Köln // 10. Dezember 2007
Interviews – viele Fragen, manche nerven, andere nicht. Am Ende des Jahres und am letzten Tag ihrer Tour möchte ich Alexisonfire einfach mit ein paar Statements von anderen Bands konfrontieren. Das Gespräch verläuft dann streckenweise etwas anders – ein Interview über Interviews.
GETADDICTED: Warum sollte jemand ein Interview mit euch lesen?
George: Solltet ihr nicht! Wenn du das hier gerade liest, hör sofort auf damit! Lesen ist tot! Alexisonfire sind viel besser im Radio. Ihr hört uns täglich auf UKW 98.6 (lacht)
GETADDICTED: Welche Fragen gehen euch am meisten auf die Nerven?
Wade: Die nach unserem Bandnamen. Es gibt noch mehr, aber die nervt echt am meisten. Es gibt zwei unterschiedliche Interviews: Bei dem einen weiß der Interviewer alles über die Band, und da denke ich immer, warum der uns überhaupt noch fragt. Und dann gibt es die Interviewer, die uns eigentlich gar nicht kennen. Da fange ich dann immer an, brutal zu lügen. Ich erzähle dann alles mögliche, teilweise echt üble Geschichten. Wenn einer mit der Bandnamen-Frage anfängt, lüge ich so dermaßen, bis sich der Interviewer total unwohl fühlt.
George: Alexis ist meine tote Schwester und ich bin nie über ihren Tod hinweggekommen. (beide lachen)
GETADDICTED: Toll, meine Fragen haben nicht immer direkt was mit euch zu tun. Also fühl ich mich dann gleich unwohl. Geht direkt los: Tom Barnett von Strike Anywhere antwortete auf eine Frage, dass das eine typisch deutsche Frage wäre, die man nur hier gestellt bekommt. Habt ihr das auch schon mal gedacht?
Wade: In Deutschland wird man immer nach Referenzen gefragt, nach Bands, von denen man beeinflusst ist.
George: Und hier achten die Leute viel mehr auf die Texte. Die wollen hier viel mehr über die Inhalte wissen. In den USA wird man eher nach Tourstories gefragt.
GETADDICTED: Genau das habe ich Aaron von Underoath gefragt, weil hier die meisten ihre christlichen Texte nicht im geringsten interessieren. Er dagegen sagt: „I’m a man who plays music and loves Jesus.“
George: He IS a man who plays music and loves Jesus! Definetely! Alexisonfire is a band: We play music and love Hot Dogs! (beide lachen).
Wade: Wir sind ja schon mit denen getourt. Ich finde es ok. Sie haben ihre Meinung, und wenn man die respektiert, dann respektieren sie auch, dass wir eine andere haben. Nebenbei: eine ganz andere.
George: Man sieht uns ja direkt an, dass wir keine Christen sind. Solange jeder die Grenzen einhält, kann ich mit denen gut leben. Ich renne ja nicht herum und mache ihre Überzeugung lächerlich und sie lassen mich mit ihrem Jesus in Ruhe. Da gibt es keinen „interreligiösen Dialog“ (grinst). Viele unserer engsten Freunde – oder nein, nicht engste Freunde, eher entfernte Bekannte – sind in christlichen Bands. Man redet ja mit den Menschen und nicht mit Heiligen, auch wenn Underoath ja wirklich vor jeder Show beten. Die glauben da ja wirklich dran. Das ist nicht nur ein Gimmick (lacht). Wir glauben halt an Hot Dogs.
Wade: Ich nicht! Ich glaube daran, zu einem Hockey-Spiel zu gehen und nach dem ersten Drittel Nachos zu kaufen! Und 30 Sekunden, bevor das nächste Drittel zu Ende ist, gehe ich Popcorn kaufen. Das ist meine Religion. Die 30-Sekunden-Kirche. Geiler Name oder?
GETADDICTED: Ihr habt gerade gesagt, dass ihr nach Referenzen gefragt werdet. Mit Sicherheit fragen die Leute doch auch nach Genres. Was war die interessanteste Bezeichnung?
George: Extreamo!
Wade: Wir wurden auch als Powerviolence-Band bezeichnet.
George: Manchmal auch als Emo-Band. Aber was ist Emo? Der Begriff wurde doch in Geiselhaft genommen, um alles zu beschreiben, was nicht Punk oder Hardcore ist. Emo ist alles, was Punkrock-, Hardcore- oder Metal-Kids hören, was nicht Punkrock, Hardcore oder Metal ist.
GETADDICTED: Andy von Matchbook Romance meinte, dass John Lennon ja dann auch Emo ist.
Wade: Klar! John Lennon, Fleetwod Mac, Elton John und natürlich eine größten Emo-Acts natürlich The Eagles!
George: Toll finde ich dann auch diese Punkbands mit T-Shirts „Destroy Emo“ (brüllt).
GETADDICTED: Danko Jones meinte in einem Interview: „Bono soll nach Hause gehen“.
George (prescht sofort los): Bono ist mein Liebling! Eine Bekannte arbeitet beim Radio und hat mal gesagt: „Bono ist ein Heuchler. Was ist eure Meinung. Ruft an!“. Alle Lampen glühten, tausende Leute riefen an. Was meinst du, was die sich anhören musste. Ich finde das Thema ziemlich schwierig. Wenn Leute bekannt sind und viel Geld haben, und das dann für wohltätige Zwecke nutzen, dann meckern alle rum, nennen sie Heuchler. Natürlich ist Bono immer noch reich. Aber wie viele Reiche sitzen auf ihrem Geld und machen gar nichts? Da sollen die Leute sich nicht sofort aufregen, dass Bono nicht all’ sein Geld spendet. Ich habe kein Beef mit Bono.
Wade: Ich finde, die Leute sollten lieber Bonos Sonnenbrillen lächerlich machen.
"THE PUNKEST BAND THAT EVER PUNKED"
GETADDICTED: Ähnlich sieht ja immer die Diskussion um Major Labels aus. Russ von Good Riddance hat zum Thema Anti-Flag gesagt: „Man kann nicht gegen jemanden sein, mit dem man im Bett liegt.“ Schließlich sind Majors ja die böse ausbeutende Industrie.
George: Auch schwierig. In Kanada nutzen wir auch Majors als Vertriebe für unsere Platten. Da haben wir einfach mehr Möglichkeiten, Leute zu erreichen. Man muss aber bedenken: Egal ob Major oder Indie: Letztlich geht es doch immer ums Geld verdienen. Deswegen verurteile ich auch keine Band, wenn sie zum Major geht. Es gibt auch so viele Arschlöcher bei Indie-Labels. Denn auch da stehst du nicht unter einem Regenschirm aus Freundschaft und Kameradschaft mit Leuten, die nur dein Bestes wollen. Dieser ganze Szene-Kram existiert nicht mehr. Guck dir Hawthorne Heights an, die 1,5 Millionen Platten verkauft haben und keinen Penny von Tony Victory gekriegt haben. Verständlicherweise sagen sie jetzt, dass Victory Records ein Sauladen ist. Und so ist es auch.
Wade: Am Ende deiner Karriere bist du „The punkest band that ever punked“ und hast nichts erreicht. Dann kann man doch auch versuchen, ein bisschen größer zu werden.
George: Und Anti-Flag haben einen Teil ihres Vorschusses von ihrer Major-Platte genommen und haben davon Brunnenbohrungen in Uganda finanziert. Das ist doch großartig. Und was zur Hölle macht Russ von Good Riddance? Er sorgt für seine Rente. Russ ist ein netter Typ, aber ich kritisiere keine Bands.
GETADDICTED: Nächster Punkt: Andy von Matchbook Romance fragte: „Wiki what?“, als ich ihn nach dem Wikipedia-Eintrag seiner Band gefragt habe. Habt ihr euren schon gelesen?
Wade: Wikipedia ist großartig! Und totaler Müll. Jeder kann alles schreiben. Dallas wurde gefragt, ob er schwul ist und dann stand am nächsten Tag bei Wikipedia, dass er schwul ist. Da steht auch, wir hätten unsere erste Show in Denver/Colorado gespielt – mit genauem Datum. Hallo? Wir kommen aus Kanada. Wir fahren doch nicht 45 Stunden mit dem Auto, um in Denver unsere erste Show zu spielen! Ich gucke lieber auf Pornotube.com. Kennste die? Ich finde die super.
George: Ich gucke öfter mal auf Wikipedia, weil viele Sachen da leicht verständlich sind.
Wade: Quatsch. Bullshit! Ich habe mal in einem Interview gesagt – also vor Alexisonfire – dass ich unbedingt mit George in einer Band spielen will, und dass ich mich umbringen würde, wenn er nicht mitmacht. Das stand dann bei Wikipedia! (lacht). George hat dann sogar noch weitergemacht und irgendwann gesagt, dass er sein Leben bedroht sieht, wenn ich in seiner Band mitmache (beide lachen). Das stand alles auf Wikipedia. Ich habe ja vorhin gesagt, dass ich immer lüge – auf Wikipedia werden die Lügen dann zu Fakten! (lacht) Aber es macht Spaß.
GETADDICTED: In eurem Artikel steht auch, dass ihr leidenschaftlich gerne Go-Kart fahrt.
George: Wade war auf einer Go-Kart-Bahn, hat ein paar Runden gedreht und dann kam ein Aufpasser und meinte: „Keine Profis“. Wade hat gesagt, dass er kein Profi ist. Er meinte: „Solltest du dann aber werden“. Und Wade hat geantwortet: „Ich mache einen Riesensack Geld mit Extreamo-Musik“. (lacht)
Wade: Der Tag war gut. Da hat jemand eine Sprungrampe auf der Bahn stehen lassen. Ich bin mehrere Male um den Parcours geheizt mit Höchstgeschwindigkeit. Die Crew aus der Box hat immer nur gewunken, ich soll langsamer fahren. Aber ich hab noch mehr Gas gegeben. Sie haben gesagt, dass ich sterbe, wenn ich auf die Sprungrampe fahr. Die ganzen Mamis und Papis am Rand haben vor Angst geweint. Ich habe dann die Rampe genommen, einen kompletten Salto hingelegt, bin perfekt gelandet und gesagt: „Warum macht ihr euch Sorgen?“ Ehrlich!
(George hatte sich während der Geschichte zurückgehalten, prustet aber auf der Stelle los. Wade blickt weiter todernst)
GETADDICTED: Wenn ihr ...
Wade: Hey! Willst du mich nicht nach weiteren Großtaten mit dem Kart fragen?
GETADDICTED: Falls ich mich jetzt unwohl fühlen sollte, muss ich dich enttäuschen.
Wade: (zu George) Steht die Geschichte wohl morgen in Deutschland bei Wikipedia? Oder war ich nicht überzeugend genug? Nein, oder?
GETADDICTED: Nicht wirklich. Wenn ihr ein Mixtape für eine Frau aufnehmt, welche fünf Songs müssen drauf sein?
George: Fleetwood Mac – Dreams
Norma Frazier – First Cut Is The Deepest
Neil Young – Only love can break your heart
Tom Waits – Jersey Girl
Leonard Cohen – Suzanne
Wade: Das ist ja alles total Emo!
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