WENN MAN ÄLTER WIRD, WERDEN ANDERE DINGE EINFACH WICHTIGER

 

Matt Skiba von Alkaline Trio in der Live Music Hall, Köln (30.08.05)

 

Wir machen kein Hehl draus, dass Alkaline Trio zu den Redaktionslieblingen gehören. Die Band hat mit „Maybe I’ll Catch Fire“ unsere Herzen gewonnen und mit „From Here To Infirmary“ sowie „Good Mourning“ unsere Euphorie aufrecht erhalten - nicht zu vergessen die großartige Spilt mit Hot Water Music. Seit einigen Wochen steht nun das neuste Werk „Crimson“ in den Regalen. Ein Treffen, auf das ich mich freute. Sänger und Alk3-Mastermind Matt Skiba im Interview…

getaddicted: Erinnerst Du Dich an das erste Mal, als ihr in Köln wart?
Matt: Oh ja, es war auch das erste mal, dass wir in Deutschland gespielt haben und ich hatte den ersten Stempel auf meinem Reisepass! Es ist schön, wieder hier zu sein!
getaddicted: Damals habt ihr im Underground gespielt…
Matt: Ja genau, als wir heute herkamen, dachte ich zuerst, wir spielen wieder dort und dann hab ich gemerkt, dass es hier direkt um die Ecke ist.
getaddicted: Was ist Deine meist gehasste Frage bei Interviews?
Matt: Hmm…mal überlegen, ich denke es sind die Fragen, die man überall nachlesen kann. Wir haben eine Liste mit Fragen über die Band. Wann wir uns gegründet haben und so etwas steht da drin. Es ist toll, wenn jemand mit uns über die Band sprechen möchte, aber wenn er diese Sachen nicht gelesen hat, geht einfach viel Zeit drauf, die man für lustigere und interessantere Fragen hätte, nicht nur die Fakten.
getaddicted: Du hast die Band mit Rob Doran und Glenn Porter gegründet. Habt ihr noch Kontakt?
Matt: Ja etwas… ich hab die beiden letztens in Chicago getroffen und ich hänge gerne noch mit Rob rum, wenn ich ihn mal sehe. Also der Kontakt ist noch vorhanden.
getaddicted: Lebst Du noch in San Francisco?
Matt: Nein, ich lebe jetzt in Los Angeles. Es ist toll dort, ich hätte nie gedacht, dass ich mal so etwas sage, weil ich es nie gemocht habe. Ich dachte, man könnte dort keinen Spaß haben. Aber meine Frau musste nach Los Angeles ziehen wegen ihres Jobs und ich musste jedes Mal hin und her von S.F. nach L.A. Also hab ich nachgegeben und bin auch hingezogen. Und jetzt mag ich es auch dort … aber es ist sicher nichts für jeden dort und ich weiß nicht, ob wir für immer dort bleiben, aber BYO Records ist in Los Angeles und unser Management auch, das ist schon praktisch für mich, wenn ich was für die Band erledigen will! Dan und Derek müssen extra von Chicago herfliegen.

"ICH SCHREIBE LIEBER ÜBER VERLUST"


getaddicted: Vermisst Du Chicago?
Matt: Oh ich liebe Chicago, aber wir proben immer noch in Chicago und meine Familie lebt dort, also bin ich noch sehr oft in Chicago, zum Beispiel auch um Urlaub zu machen.
getaddicted: Aber ist es nicht sehr teuer zum Proben immer nach Chicago zu fliegen?
Matt: Ja, aber wir proben nicht so viel, weil wir keine Zeit dazu haben. Meistens starten wir unsere Tour in Chicago, also fliege ich ein paar Tage vorher hin und wir proben und dann geht’s los. Oder wenn wir eine Platte aufnehmen, dann fliege ich hin und bleibe für einige Wochen da. Ich fliege also nicht jede Woche hin und her, wir sind so viel auf Tour und spielen deshalb schon so viel zusammen, da brauchen wir nicht so oft zusätzlich proben.

getaddicted: Viele der Songs sind über Herzschmerz und Emotionen. Warum denkst Du, ist es so einfach darüber zu schreiben?
Matt: Ich denke, dass sich viele Menschen damit identifizieren können! Ein großes Missverständnis ist, dass viele glauben, alle unsere Songs wären über Beziehungen zu Mädchen. Es mag einige Songs geben, die von Mädchen handeln, aber das heißt nicht automatisch, dass es um unsere Freundinnen geht oder um romantische Beziehungen. Wir haben zum Beispiel Freunde, deren Erfahrungen uns beeinflusst haben. Aber ich denke, die dunklen, schmerzhaften Dinge im Leben, über die eine Band schreibt, sind oft Dinge, durch die sich der Hörer mit der Band identifizieren kann. Ich schreibe lieber über Dinge wie Schmerz, Tod oder Verlust, weil es gibt so viel lustige Musik und Musik über schöne Dinge.
getaddicted: Aber es ist auch immer ein kleiner Hauch von Hoffnung in euren Texten.
Matt: Ja, ich glaube keiner von uns dreien ist ein besonders trauriger Mensch, wir mögen es, gut drauf zu sein und Spaß zu haben ist für uns das Wichtigste auf der Welt! Wir sind alle verheiratet und glückliche Leute, aber das bedeutet nicht automatisch, dass man nur glückliche Dinge erlebt. Unser neues Album „Crimson“ geht weniger um uns selbst, sondern eher um ältere Dinge, ums Trinken oder um Selbstmitleid, auch um Filme, die wir gesehen haben und um Storys, die wir gelesen haben. Wenn man älter wird, werden andere Dinge einfach wichtiger. Also ich hoffe, das neue Album wird interessant, es ist einfach eine andere Art von Arbeit.
getaddicted: Ist das auch die Entwicklung, die Du aus all euren Alben siehst?
Matt: Ich denke jetzt mehr als früher! Ich bereue nichts, was wir raus gebracht haben, aber ich war nie zu 100% stolz darauf. Das neue Album ist anders und es hat am meisten Spaß gemacht. Ich denke, je mehr Arbeit und Zeit man in ein Album steckt, umso besser wird es und ich hoffe, das hört man auch!
getaddicted: Und stimmst Du damit überein, wenn Leute sagen, dass eure Songs „bitter-sweet“ sind?
Matt: Also ich denke schon, dass die Bitterkeit eine große Rolle bei vielen Texten spielt. Wir sind mit Musik von den Misfits und den Ramones aufgewachsen, sie sind Helden für uns! Aber wir mögen es auch, über Dinge zu schreiben, die uns berühren und aus unserer Sicht zu betrachten, also nicht eine Horror-Show zu machen wie die Misfits oder so cool zu sein wie die Ramones – keiner kann so cool sein wie die Ramones! Aber beide Bands haben Musik gemacht, die viel gehört und gespielt wird, sie sind dazu verdammt, viel gehört und gespielt zu werden.


WER IST HIER DER ENTERTAINER FÜR WEN?


getaddicted: Ihr seid jetzt mit „Me First and the Gimme Gimmes“ auf Tour, ihr habt ernsthafte Songs und sie covern nur andere Songs. Das wirkt etwas komisch für mich! Und die Zielgruppe ist auch anders, warum seid ihr zusammen auf Tour?
Matt: Wir sind sehr gute Freunde seit sehr langer Zeit. Und wir wollten beide auf Tour in Deutschland gehen. Als ich in San Francisco gelebt habe, waren Fat Mike und ich sehr enge Freunde und wir haben mit NOFX in den Staaten getourt und die Leute mochten das, NOFX ist auch eine lustige Band, wie ihr wisst! Ich denke, es ist interessanter, wenn die Leute zwei verschiedene Bands auf der Bühne sehen können, die unterschiedlich klingen und für uns ist es auch lustiger mit Freunden auf Tour zu sein! Sie lieben Deutschland, wir lieben Deutschland, es ist toll mit ihnen auf Tour zu sein, auch wenn einige Leute deshalb etwas durcheinander sind, das ist uns egal!

getaddicted: Letztes Wochenende habt ihr auf dem Highfield-Festival gespielt. Wie war es, die ganzen Leute im Schlamm zu sehen?
Matt: Oh, eigentlich sagt man ja, dass die Bands die Leute unterhalten sollten und die Leute kommen, um die Bands zu sehen. Aber ich hatte das Gefühl, dass wir auf die Bühne kamen, um ihnen zu zusehen. Es war großartig… für uns ist es ein tolles Gefühl so weit von zu hause weg zu sein, in einem anderen Land und hier in Deutschland sind so viele Leute zu sehen, die unsere Musik mögen und englisch sprechen! Das mag ich sehr, es ist so schade, dass amerikanische Schulen es nicht so fördern, eine ausländische Sprache zu lernen. Wenn Du ein Kind bist, möchtest Du nach der Schule sofort Skateboard fahren oder so was und nicht eine andere Sprache lernen. Es ist wohl etwas typisch amerikanisches. Für uns ist es eine Ehre, dass die Leute hier so nett zu uns sind und so viel Spaß haben, wenn wir auftreten!
getaddicted: Ich habe ein Interview in der Zeitschrift „Scratch“ gelesen, in dem Du gesagt hast, dass Du keinem Trend folgst! Aber wie wichtig ist Dir Mode?
Matt: Oh ich denke, dass Mode sehr wichtig ist! Ich finde es zum einen wichtig, wie Du ein Album präsentierst, also das Cover usw., also warum sollte es nicht auch wichtig sein was Du trägst. Zum Beipiel die Gimme Gimmes tragen immer Hawaii-Hemden, oder die Misfits mit ihrem Stil und die Ramones, die immer enge Jeans, Lederjacken und Converse-Schuhe anhatten. Es ist wie eine Art Uniform! Es sieht einfach besser und cooler aus. Ich denke, es gibt viele gute Bands, die mit ihren Alltags-Klamotten auf die Bühne kommen, aber wir machen uns schon zurecht bevor wir auf die Bühne kommen, um für die Leute zu spielen. Wie wir auf der Bühne aussehen, so laufen wir nicht den ganzen Tag rum. Du bist ein Entertainer auf der Bühne, ich denke es ist wichtig!
getaddicted: Aber das ist nicht wirklich Punkrock…
Matt: Oh für mich ist Punkrock nicht eine Frisur oder was Du für Klamotten trägst, sondern das, was Du über Dinge denkst oder fühlst! Die Ramones haben alle Lederjacken getragen und durften sich nicht die Haare schneiden wie sie wollten und sie haben Punkrock berühmt gemacht…und hatten ihre Uniform! Also ich denke es IST Punkrock, aber das ist nur was ich denke!
getaddicted: Hörst Du auch andere Musik außer Punk?
Matt: Ich höre nicht viel neue Musik… mal überlegen…es gibt diesen Kerl namens „Boyd Rise“ von dem ich ein großer Fan bin. Er macht „Noise-Music“ wie in den 70ern, naja er hat sich viele Feinde gemacht und ist ein sehr strigger Kerl, aber die Leute, die mich anziehen, sind normalerweise immer strittige Personen. Seine Musik ist kein Punkrock, eher gesagt Wörter und Lärm! Aber die meisten Bands, die ich höre machen schon Punkrock, ältere Dinge wie die Misfits, die Ramones oder The Damned, oder Dinge wie Sisters of Mercy, also Dark Wave.
getaddicted: Aber Du magst auch nur die alten Misfits?
Matt: Ja auf jeden Fall! Nur die Misfits mit Danzig!
getaddicted: Ok, und die Band Danzig magst du auch?
Matt: Ich liebe sie!! Die ersten drei Danzig-Alben waren der Hammer!
getaddicted: Was denkst Du ist der größte Unterschied zwischen Shows in den Staaten und hier in Deutschland?
Matt: Es sind keine so großen Unterschiede, ich meine, es ist in vielen Dingen ähnlich und ich vielen Dingen unterschiedlich. Es ist schwer zu erklären, es ist einfach ein Gefühl, es ist vielleicht einfach aufregender, im Ausland zu spielen, weil Du dann mit Leuten kommunizierst, deren Sprache Du nicht sprichst, aber sie verstehen Dich und singen Deine Songs mit! Es fühlt sich einfach wie etwas Besonderes an, wenn die Leute Dich hier verstehen!
getaddicted: In 2001 habt ihr eine Split-CD mit Hot Water Music rausgebracht, was denkst Du über ihre Band-Pause?
Matt: Ja, drei Leute von Hot Water Music haben eine neue Band gegründet, namens „The Draft“ und ich war bei ihrer ersten Show dabei und … es war großartig! Es ist eine neue Band, ich meine, ich liebe Hot Water Music, sie sind wie eine Familie für mich, wir waren so viel mit ihnen auf Tour, aber naja, alles hat mal ein Ende, auch wenn es sehr schade ist!
getaddicted: Und magst Du die Split von Dan und Mike?
Matt: Ich habe bisher nur Dans Teil gehört, Mikes noch nicht.
getaddicted: Warum nicht?
Matt: Es ist mir eigentlich egal. Vielleicht sollte ich es mir anhören, aber ich habs noch nicht gemacht.
getaddicted: Spielt ihr „Radio“ heute abend?
Matt: Sicher, ich und es könnten viele Leute da sein, die es gerne hören möchten, also klar spielen wirs!
getaddicted: Super, danke und viel Spaß!
Matt: Danke auch, bis später!

 

Interview: Markus Tils
Fotos: Markus Tils, Jens Becker