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HARTE THEMEN, HARTE KRITIK, ABER KEINE MOLOTOW-COCKTAILS
#2 von Anti-Flag im Interview in der Live Music Hall, Köln (26. Februar 2006)
In der heutigen Punk-Szene gehören Anti-Flag mit Sicherheit zu den führenden Bands, wenn es darum geht, fundierte Kritik an den Verhältnissen zu üben. Dass sie - vertreten durch Bassist #2 - auch im Interview einiges zu sagen hatten, dürfte klar sein.
getaddicted: Warum sollte jemand ein Interview mit Anti-Flag
lesen?#2: Was Anti-Flag bedeutet, und was wir versuchen, ist eine Gemeinschaft aufzubauen, die eben nicht nur aus Punkrockern besteht, nicht nur Irokesen. In der soll es egal sein, was für eine Hautfarbe man hat, welcher Religion man angehört, welche sexuellen Neigungen, halt egal, unter welcher Fahne man steht, dafür stehen Anti-Flag. Denn meistens trennen Fahnen Menschen. Aber wir versuchen, eine Gemeinschaft, eine Familie aufzubauen, die auf Menschlichkeit beruht, einen Ort, wo man hingehen kann, wo man sich wohlfühlt. Und damit einen Ort, an dem nicht die Politik und Regierungen wirtschaftliche Interessen an die erste Stelle setzen und Menschen erst dahinter kommen. Anti-Flag ist eben die Musik als Protest gegen diese Einstellung. Für Leute, die mehr darüber erfahren wollen, haben wir unsere website www.antiflag.com und die News-Seite www.undergroundactionalliance.org.
getaddicted: Ihr kombiniert sehr ambitionierte, teilweise provokante Texte mit recht poppiger Gitarrenmusik. Ist Eure Musik so poppig, damit Ihr mehr Leute erreicht?
#2: Auf der einen Seite machen wir einfach die Musik, die aus uns heraus kommt. Aber zum anderen, was haben wir davon, wenn wir unsere Ideen in Songs verpacken, die sich die meisten Menschen gar nicht anhören können. Aber wir möchten die Menschen erreichen, und das geht am besten mit der Musik, mit unseren Shows, und natürlich mit unseren websites. Außerdem können die Leute auch einfach eine Gitarre nehmen und unsere Songs nachspielen.
getaddicted: Eine deutsche, überregionale Tageszeitung hat geschrieben, ihr kombiniert „happy-go-lucky-Musik mit streetfight-Attitüde“, aber in Eurer Freizeit würdet Ihr am liebsten Brandsätze werfen. Stimmst Du damit überein?
#2: (lacht), Machen wir eigentlich nicht, weil wir immer für alles versuchen, friedliche Wege zu finden. Ich denke schon, dass wir teilweise recht harte Texte haben, wie „Death Of a Nation“ oder „Operation Iraqi Liberation (O.I.L.)“. Aber es sind nun einmal harte Themen, die auch so hart kritisiert werden müssen.
getaddicted: Ihr seid politisch sehr aktiv. Ihr wart auf Tour mit rage against the machine, die ja auch dafür bekannt sind. Was macht Ihr sonst noch außerhalb der Musik?
#2: Wir touren konstant, ungefähr neun Monate im Jahr sind wir unterwegs, da bleibt nicht mehr viel Freizeit. Dazu kommen www.undergroundactionalliance.org und unser eigenes Plattenlabel, auf dem wir andere Bands fördern. Dazu spielen wir auf so vielen Protestveranstaltungen wie möglich, ohne Gage versteht sich. Wir waren sehr eingebunden in der Friedensbewegung vor dem Irak-Krieg. Wir haben da zum Beispiel einen landesweiten Schul-Protest-Tag organisiert. Viele Kids haben uns geschrieben und gefragt, was sie machen können als Protest gegen den Krieg. Wenn sie ein T-Shirt von uns an der Schule tragen, werden sie nach Hause zum Umziehen geschickt.
getaddicted: Wie sah der Protest-Tag aus?#2: : In den USA garantiert eine weiße Armbinde die Meinungsfreiheit. Also haben wir einen Tag organisiert, an dem alle Schüler eine solche Binde getragen haben, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Das war schon ein sehr beeindruckender Anblick, sogar auf CNN wurde das gezeigt! Es gibt so viele Dinge, die mich dann auch beeindrucken. Wir spielen heute vor was weiß ich wie vielen Leuten. Da gibt es doch mit Sicherheit viele unterschiedliche Interessen und Ansichten. Dazu gibt es eine Sprachbarriere. Trotzdem weiß ich: Heute wird es keine Schlägereien geben, es ist egal, wie deine Haare aussehen, welche Hautfarbe du hast. Heute sind einfach alle hier, um zu feiern, um den Alltagsfrust zu vergessen. Und draußen, außerhalb der Mauern hier, herrscht ein permanenter Kampf, Gewalt und Hass, jeden Tag. Aber in den nächsten vier Stunden wird es das alles in diesem Laden nicht geben.
getaddicted: Howard Zinn, renommierter Politik-Professor an der Bostoner Universität, hat für Eure CD einen Aufsatz geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?
#2: Wir haben ihm einfach eine e-mail geschrieben, in der stand, dass wir eine Band sind, die ein Publikum hat, dass Howard Zinn normalerweise nicht erreicht. Leute zwischen 15 und 22 lesen ihn als Akademiker normalerweise nicht. Wir haben ihn gefragt, was er diesen jungen Menschen mit auf den Weg geben möchte, sie sind schließlich auch kommende Wähler, die irgendwann auch dieses Land steuern, und das hoffentlich mit mehr Wissen und Gewissen als die jetzigen. Er hat sich über uns informiert und hat sofort etwas geschrieben. Wir haben ihm eine Dank-Mail geschrieben und er hat mir einer Dank-Mail geantwortet. Es ist schon sehr bewegend, wenn ein Politik-Professor für uns so etwas macht und wenn man dann auch noch sehr viel positives Feedback von den Leuten erhält, die den Aufsatz gelesen haben.
getaddicted: Wer ist besser? Ein Nationalgardist, der zu Hause bleibt, oder ein hoch dekorierter Kriegsheld?
#2: Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine Armeen. Ich verstehe nicht, wieso George Bush immer noch Präsident der USA ist. Er hat die ganze Welt belogen vor dem Krieg. Er hat gelogen, wie viele Iraker gestorben sind, wie viele Amerikaner oder andere Verbündete gestorben sind. Er sollte aus dem Amt enthoben werden und vor das Tribunal in Den Haag gestellt werden. Aber ich befürchte, dass das nie passieren wird. Was George Bush und alle Amerikaner, ach, alle Menschen bedenken sollten, ist doch – und das ist die meiner Meinung nach passendste Metapher nach dem 11. September: Wenn ich Dir immer und immer wieder in den Rücken trete, wirst Du irgendwann zurück treten. Und am 12. September haben alle Amerikaner George Bush einen Freifahrtschein ausgestellt. Aber man sollte bedenken: Mit Gewalt wird man nie Gewalt beenden können. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht eine Art Weltpolizei geben sollte, die die Rechte der Menschen sichert, aller Menschen und nicht nur ausgewählter Gruppen. Aber insgesamt fände ich es am besten, wenn Krieg wäre, und keiner geht hin.
getaddicted: Also wäre in diesem Fall George Bush besser als John
Kerry, wahrscheinlich der Präsidentschaftskandidat der Demokraten?#2: Das ist so eine Sache, in diesem Fall wohl, aber John Kerry unterstützt die Welthandelsorganisation WTO, die nordamerikanische Freihandelszone Nafta und ähnliche Institutionen, die andere Staaten und Menschen unterdrücken. Aber ich denke, da ist auch der Druck der Welt auf einen demokratischen Kandidaten hoch, ein besserer Mensch zu sein als George Bush. Manchmal muss es erst richtig schlimm kommen, bevor es wieder besser werden kann. Ich denke, der Druck der Welt, das Auge der Welt blickt nicht nur auf den Irak. Hier hat man aber schon gesehen, dass sich die Bush-Administration nicht alles erlauben kann, weil die Weltgemeinschaft dagegen war. Viele haben nach dem Beginn des Krieges gesagt, wir haben versagt, weil wir den Krieg nicht verhindern konnten. Aber ich sage: „Nein! Wir haben nicht versagt“. Wir haben einiges erreicht. Wenn demnächst der Jahrestag des Kriegsbeginns ist, werden keine Jubelfeiern sein. Dann werden wir wieder auf die Straßen gehen und fragen, wo die Massenvernichtungswaffen sind, wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, und warum jetzt ausgerechnet die Ölfirmen die Wiederaufbau machen sollten, in denen rein zufällig lange Jahre unser Vizepräsident Dick Cheney in der Chefetage saß. Jetzt dürfen sich aber auch andere Firmen beteiligen. Außerdem steht die Finanzierungsfrage auch noch offen. George Bush und Tony Blair hatten in der Kriegsfrage viele Gegner, die jetzt natürlich auch nicht dafür bezahlen wollen. Und auch da ist der weltweite Druck wichtig. Und vor allem gibt es auch eine Zeit nach Bush. Da sollen die Demokraten auch schon mal den Druck der Weltgemeinschaft und der Amerikaner spüren. Wir lassen nicht alles mit uns machen.
getaddicted: Wenn Du jetzt die Bush-Administration austauschen könntest, wenn würdest Du ernennen?
#2: Mein Lieblingskandidat der Demokraten ist Dennis Kucinich. Er ist der liberalste aller Kandidaten, er will die Herrschaft der WTO brechen, einen weltweiten Minimallohn durchsetzen, aber ich befürchte, er wird nicht gewählt. Ich denke aber auch, dass dies nicht im Vordergrund steht. Ich fände es wichtig, dass es illegal für jeden Politiker wird, Gelder von irgendwelchen Firmen anzunehmen. Denn wenn eine politische Entscheidung ansteht, hat das immer Auswirkungen auf das Stimmverhalten von Politikern. Das fängt auch schon im kleineren an. Wenn es in einem Ort darum geht, eine Tabakfabrik oder einen Tabakvertreib in der Nähe einer Schule zuzulassen, stimmt ein Politiker natürlich nicht dagegen, wenn er von der Tabakindustrie Geld kriegt. In den USA ist das zwar extremer als etwa in Deutschland. Aber wenn es illegal wäre, würde das die Welt verändern, wenn Politiker unabhängiger von der Wirtschaft wären.
getaddicted: Wie sieht deine „Most wanted“-Liste aus? Welche
fünf Personen würdest Du gerne aus dem Verkehr ziehen, etwa
per Gerichtsentscheid?#2: Nur fünf? (lacht) Ich denke, als erstes gehört George Bush ins Gefängnis. Osama bin Laden ist auch ein ganz übler Typ. Was viele nicht bedenken, ist, dass er Multimillionär ist. Alle denken, er lebt nur dreckig in irgendwelchen Höhlen, aber da bin ich anderer Meinung. Vor mehreren Jahren durfte seine Familie noch als eine der ganz wenigen Menschen mit der Bush-Familie in einem Flugzeug sitzen, und das nicht nur einmal. Der Chef von Clear Channel sollte auch weg. Clear Channel ist ein Konsortium von unzähligen Fernseh- und Radiostationen in den USA, das ein Monopol hat. Wenn sie irgend eine Geschichte zu erzählen haben, dann können sie die Öffentlichkeit damit erheblich beeinflussen. Als sie erzählt haben, Saddam Hussein verfügt über Massenvernichtungswaffen, haben es erst ziemlich viele Menschen geglaubt, weil sie kaum die Möglichkeit haben, sich über andere Quellen zu informieren. Deshalb denken auch immer noch die meisten, Saddam und bin Laden stecken unter einer Decke und kaum jemand weiß, dass Saddam ein Erzfeind von bin Laden ist. Ihre Berichterstattung ist so dermaßen einseitig. Und in Europa würde ich sagen, Silvio Berlusconi. Er schneidert sich seine Gesetze so zusammen, dass sie vor allem ihm und seinen Firmen nützen. Nur so konnte er sich doch vor einer Verurteilung wegen Bestechung von Richtern und wegen Korruption retten.
getaddicted: Ich tourt mit Darkest Hour im Moment. Wie seid ihr an die gekommen?
#2: (lacht) Weil es eine Metalband ist oder wieso? Zum einen mag ich die Band, zum zweiten machen sie halt Metal und vertreten dabei auch eine dezidiert politische Meinung, das gefällt mir und davon gibt es nicht viele.
getaddicted: Okay, letzte Frage: Wo sehen wir Anti Flag als nächstes? Auf MTV oder auf Kuba?
#2:: Wir haben ein Video gemacht und ich bin froh um jeden, der das Video spielt oder der unsere Platten verkauft. Aber das nur so lange, wie uns keiner vorschreibt, was wir zu machen haben. Wenn MTV will, dass wir die Texte abändern oder die Szenen im Video, dann wird es eben nicht auf MTV gespielt. Was ich an dieser Band so mag, ist das wir jedes Jahr größer und bekannter werden, aber das, weil wir so viel touren und so hart arbeiten und nicht, weil ein dahergelaufener Produzent uns mal kurz auf MTV groß rausbringt und uns dann in der Versenkung verschwinden lassen wird. Ich möchte nicht die Puppe eines Marionettenspielers sein. Ich könnte mir zwar nichts besseres vorstellen, als unser Video im Fernsehen zu zeigen, aber nur, wenn es so bleibt, wie es ist: Nämlich dass George Bush in zwei Minuten als das bezeichnet wird, was er ist. „Turncoat, killer, liar, thief“
- Galerie: Anti-Flag bei Taste Of Chaos 2006 in Köln // 8. November 2006
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