"WAS IST MIT MICHAEL JACKSON?"

 

#2 von Anti-Flag im Interview im Zakk/Düsseldorf (14. Juni 2005)

 

Interviews mit #2 von Anti-Flag machen Spaß. Man kann zwar kaum eine Frage zu Ende stellen, bevor der Basser mit der Antwort anfängt. Und wenn man mit einer Frage nur auf etwas hinaus wollte, kann man das auch vergessen, weil #2 in einer ausschweifenden Antwort letztlich völlig woanders ankommt, als man ihn hinhaben wollte. Gut gelaunt sitzen wir also im Biergarten des Düsseldorfer Zakk und quatschen über Die Toten Hosen, Pink Floyd und Songs von Mick Jones (The Clash) unter der Dusche.

getaddicted: Ihr werdet wahrscheinlich im Moment am häufigsten auf euren Major-Label-Deal angesprochen.
#2: Ja klar. Aber du bist der erste auf der gesamten Tour seitdem, der sich diese Frage nicht für den Schluss aufhebt. Du denkst bestimmt, uns nervt die Frage, du musst sie aber stellen und deshalb willst du das schlimme direkt am Anfang weghaben.
getaddicted: Eigentlich wollte ich nur das übelste Feedback darauf hören.
#2: Das interessante ist, dass wir die heftigsten Reaktionen von Leuten gekriegt haben, die eh schon lange mit Anti-Flag abgeschlossen haben. Die schockierendsten kamen ausgerechnet von den Leuten, die uns schon vor drei Jahren Sellouts genannt haben, als wir zu Fatwreck gegangen sind. Aber warum sollten wir uns groß mit Leuten abgeben, die nur auf der Bildfläche erscheinen, um uns zu sagen, dass sie diesen Schritt scheiße fanden, obwohl sie uns in unserer gesamten Bandgeschichte nur negativ beurteilt haben und es jetzt dann wieder tun. Das macht für uns keinen Sinn. Dagegen kamen die positiven Reaktionen gerade von den Menschen, die uns wirklich nahe stehen. Einige sagen zwar, dass sie nicht verstehen, warum wir diesen Schritt gemacht haben, aber dass wir uns als Mitglieder von Anti-Flag schon unsere Gedanken gemacht haben werden und nicht nur Dollarzeichen in unseren Augen hatten. Wir haben das gemacht, um die Bewegung als ganzes zu verbessern. Jeder von uns hat seine eigene Art, an etwas zu arbeiten: Du als Schreiber, wir als Musiker, andere als Dichter oder sonst was. Und irgendwann steht man an dem Punkt, wo man sich fragt, wie komme ich meinem Ziel näher. Das ist für uns jetzt der nächste Schritt und wir werden jetzt nicht anfangen, über Wölkchen und Blumen zu singen. (lacht)
getaddicted: Du erwähnst gerade das Geld. Ihr habt doch jetzt zumindest die Chance, mit mehr Geld zu arbeiten.
#2: Zu allererst: Es geht uns nicht darum, dass wir vier als Individuen mehr Geld in der Tasche arbeiten. Wir sind keine Menschen, die Entscheidungen davon abhängig machen, wie viel Geld sie einbringen. Dann gäbe es kein www.undergroundactionalliance.com und kein A-F-Records. Wir haben dafür gekämpft, dass hinter allem einfach mehr Geld steht, dass wir investieren. Für uns war einfach die Idee, dass wir diese Sachen alle besser vermarkten können und damit mehr Menschen für unsere Ideen erreichen. Unsere Überlegung war, wie kann die Plattenfirma etwas für uns tun, nicht einfach wir für die!

BEGRENZTE ERFAHRUNGEN, BEGRENZTE SONGKENNTNISSE


getaddicted: Wenn ihr dann mal mehr Geld zur Verfügung habt, welche Band würdest du am liebsten für A-F-Records unter Vertrag nehmen?
#2: Wir hätten ja schon fast Leftöver Crack für ihre letzte Platte gehabt. Die hätte ich gerne gehabt, weil ich das Album sehr wichtig fand. Viele Leute sagen zwar, die sind total verrückt, weil sie die zusammenbrechenden Twin Towers auf ihrem Cover hatten. Aber die nehmen einfach so konkret Stellung wie keine andere Band. Wenn ich eine Traumband nehmen könnte, ich würde jedes Mitglied von The Clash sofort nehmen. Wenn Mick Jones unter der Dusche singt, würde ich das auch veröffentlichen (lacht).

getaddicted: Hier ist eine Zeile aus einem Song. „Wir sind Helden, wir sind die Diebe, angeklagt wegen Hochverrat, an einer Idee, die seit langem tot ist, und die man längst beerdigt hat“.
#2: Von wem ist das?
getaddicted: Das sollst du ja raten!
#2: (lacht) Das ist fies! Englische Band?
getaddicted: Nein, aus Deutschland.
#2: Kenne ich bestimmt gar nicht! Aus Deutschland kenne ich nur...ach...(lacht)...das sind Die Toten Hosen? Haben die das gesungen? Cool! Ich muss zugeben, dass unsere Erfahrungen mit den Toten Hosen, sagen wir mal, sehr begrenzt sind. Ich erzähle dir mal zwei Geschichten dazu: Als wir die Anfrage gekriegt haben, mit den Toten Hosen zu spielen, habe ich die anderen gefragt, ob wir das machen können, was das für eine Band genau ist. Weiß jemand was über diese Band oder werden uns die Köpfe abgehackt, wenn wir mit denen spielen? Weil die Leute nur zu den Konzerten gehen, um die Toten Hosen zu sehen. Da hat unser Tourmanager nur von einem Erlebnis erzählt, als er zum ersten Mal in Gilman Street war, der Punk-Hochburg in Berkely. Da war ein junger Russe, der ihn was über die Toten Hosen gefragt hat. Unser Tourmanager meinte: „Keine Ahnung, wer ist das?“. Da ist der Russe ausgetickt, „wie? Was? Du kennst die Toten Hosen nicht? Das ist die größte Punkband der Welt“ (lacht). Seitdem erzählt unser Tourmanager immer wieder diese Geschichte.
Die andere Sache ist: Je mehr wir die Toten Hosen kennen gelernt haben, umso interessanter und cooler wurden sie für uns. Es ist unglaublich, was sie in ihrer Karriere alles durchgemacht haben. Wenn man sich ansieht, wofür sie stehen, was sie erlebt haben, was sie machen und denken, das zeigt so viele Parallelen zwischen ihnen und uns, zwischen Deutschland und den USA. Das ist einfach perfekt. Wir merken einfach, dass es überall auf der Welt Menschen gibt wie uns, die ähnliche Dinge erleben. Wir sind natürlich in den USA lange nicht so bekannt wie die Toten Hosen hier. Aber zum Beispiel auch diese Sache mit dem Major, was ich vorhin gesagt habe: Die Leute, die dir sagen wollen, ja sogar diktieren wollen, was du zu tun und zu lassen hast, das haben die Toten Hosen alles auch erlebt und in ihrer langen Bandgeschichte noch viel mehr. Und die behandeln uns so nett auf der Tour bisher. Die hängen mit uns backstage ab, die stellen sicher, dass es uns gut geht und dass uns nichts fehlt. Und wenn man dann bedenkt, dass die Shows mit den Rolling Stones gespielt haben und die Stones haben sich null um die gekümmert – im Gegenteil. Dagegen waren U2 voll nett zu ihnen und die Toten Hosen haben sich gesagt: So machen wir das mit unseren Vorbands auch! Ich finde das großartig und ich hoffe, dass wir uns auch immer gescheit um unsere Vorbands kümmern werden. Vor allem muss man bedenken: Die Shows der Toten Hosen waren ausverkauft, bevor wir angekündigt wurden. Das heißt, dass die Hosen uns gar nicht brauchen, die sind so groß genug. Und trotzdem kümmern sie sich. Und die Shows selber, vor allem die erste, war überwältigend für uns, weil uns auch die Fans mit offenen Armen empfangen haben.

getaddicted: Ihr ward ja in den USA auch mit Rise Against und Against Me auf Tour. Wie ist das, wenn mehrere politisch engagierte Bands zusammen unterwegs sind. Gibt’s da Diskussionen?
#2: Na klar, aber teilweise sogar weniger, als mir lieb ist. Manchmal trinkt man auch mehr und hat einfach Spaß (lacht). Es sind ja zwei Gründe, warum wir uns für diesen Lebensstil entschieden haben: Einmal um mit Musik unsere Ansichten zum Ausdruck zu bringen mit allem was dazu gehört. Aber zum anderen wollten wir halt eben nicht einen Bürojob machen und „ins Bild passen“, sondern auch Spaß haben. Aber bei Rise Against ist es halt so, dass die und wir beide unheimlich an der Weltpolitik interessiert sind und da kommt es dann regelmäßig zu Diskussionen, wie scheiße manches läuft und was man ändern kann. Wir könnten stundenlang über die WTO oder die Weltbank diskutieren.
getaddicted: Wie muss man sich so eine Diskussion vorstellen? Geht’s da auch mal richtig ab? So richtig aggressiv?
#2: Aggressiv eigentlich nicht.
getaddicted: Tim von Rise Against hat gesagt, da wird’s auch mal handgreiflich.
#2: (lacht) Ich weiß nicht, wie Tim und die Jungs von Against Me aneinander geraten sind, aber wir haben uns auf jeden Fall nicht geprügelt! Es geht ja dann auch oft um Dinge, die wir gerade im Fernsehen gesehen haben, auch wenn wir da gerade in Deutschland auf Tour oft einiges nicht mitkriegen. Übrigens: Was ist mit Michael Jackson?
getaddicted: Nicht schuldig in allen Anklagepunkten.
#2: Nicht? Wer weiß, ob er schuldig gewesen wäre, wenn er noch richtig schwarz wäre (lacht sarkastisch)


"UNS FRAGT JA KEINER"


getaddicted: Ihr tourt ja meistens mit Punkrock-/Hardcore-Bands. Hättet ihr nicht auch mal Lust mit kritischen oder politisch engagierten Bands zu spielen, die eigentlich ganz andere Musik machen?
#2: Ja, auf jeden Fall. In den USA gibt es eine ziemlich heftige Band, die Amen heißt. Aber von denen habe ich bis jetzt noch nichts gehört. Dann würde ich auch sehr gerne mal ein paar Shows mit Sage Francis spielen, einem politischen Rapper. Das fände ich interessant. Hip Hop ist ja eigentlich sehr politisch, verwurzelt in den Ghettos. Punk ist auch politisch, kommt halt nur aus der Arbeiterbewegung. Da gibt es so viele Parallelen, nimm einfach mal Jello Biafra und KRS One. Ich würde das gerne mal machen. In Ansätzen haben wir das ja auch schon gemacht. In Deutschland sind wir ja mit Darkest Hour getourt, einer politischen Metal-Band. Oder bei der Rock Against Bush-Tour waren Midtown dabei, eine Emo-Band, die aber auch sehr in der Tierrechts-Szene engagiert ist. Für uns ist es wichtig, mit gleichgesinnten Bands zu spielen. Da ist es egal, ob das ein Rapper ist oder eine Speedmetal-Band.

getaddicted: Wie siehst du dann eine Veranstaltung wie das von Bob Geldof initiierte Live 8?
#2: Ich finde es immer eine großartige Sache, wenn sich namhafte Künstler für einen guten Zweck engagieren. Wer ist diesmal dabei?
getaddicted: Zum Beispiel Pink Floyd in Originalbesetzung.
#2: Waaaaaas? Das muss ich sofort unserem Drummer Pat sagen. Der ist Riesenfan von denen. Pat! Pat! (springt auf). Wo ist der? Ich würde da auch sehr gerne spielen, aber uns fragt ja keiner (lacht)
getaddicted: Manche Künstler wollen das nicht, weil sie sagen, Afrika würde da sehr herablassend behandelt.
#2: Ich verstehe die Kritik schon, aber man muss das auf der anderen Seite auch mal so sehen: Wir werden von Kindesbeinen an indoktriniert, dass man auf seinen eigenen Füßen stehen muss. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Und das ist der Grund, warum die Ghettos immer noch Ghettos sind, warum den Menschen in Darfur immer noch nicht geholfen wird. Es gibt da kein Öl und keine anderen Ressourcen, die die USA ausbeuten könnten, also überlassen wir die Leute sich selber. „Wir Amerikaner haben’s ja auch selber geschafft“. Aber das stimmt einfach nicht. Wir gehören zu den reichsten Ländern der Welt und daher haben wir auch die Verantwortung für die ärmeren. Wir scheißen auf die, deren Ressourcen wir nicht missbrauchen können. Genau das ist es doch, was Regierungen tun, eben nur irgendwo einschreiten, wenn es was zu holen gibt. Das ist doch auch der Hauptgrund, warum wir überhaupt so eine reiche Nation sind. Das geht zurück auf den Krieg an sich und wem er nützt – und das waren nun mal meistens die Politiker und Wirtschaftsbosse in den USA. Wenn dann mal Nicht-Politiker hingehen und diesen Menschen etwas zurück geben, dann ist das doch schon mal ein wichtiger Schritt. Es sollte nicht das einzige bleiben, aber es ist schon mal etwas. Wenn einer so etwas macht, weil er fühlt, dass es richtig ist, dann ist es okay!
getaddicted: Würde es sich richtig anfühlen, selber in die Politik zu gehen, um etwas zu ändern?
#2: NOT AT ALL!! (lacht). Ich weiß, es gibt viele Künstler oder Schauspieler, die das machen. Aber ich bleib dann da lieber anderweitig sozial aktiv. (lacht)

Als ich mich dann für das Interview bedanken möchte, schnappt sich #2 mein Diktiergerät: „Wenn ihr irgendetwas von Anti-Flag wissen wollt, schreibt uns auf unserer Website an. Wenn ihr irgendetwas kritisches zu irgendwas sagen oder lesen möchtet, schaut auf www.undergroundactionalliance.org“

Nach einer Unterhaltung über die WTO und über Red Lights Flash geht #2 in den Catering-Raum und brüllt: „Not guilty!!! He is not guilty“ und sprang anschließend Pat an: „Pink Floyd spielen bei Live 8 – in Originalbesetzung
Der Abend war gerettet!

 

Interview: Jens Becker