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AREA 4-FESTIVAL 2008
Flugplatz Borkenberge, Lüdinghausen // 29. bis 31. August 2008
Wer, so wie viele andere, dem Festivalismus verfallen ist, kann froh sein, in einem Land zu leben, in dem sich genügend Gelegenheiten bieten, diesem durchaus ansteckenden Hobby Futter zu bieten. Denn das Area4 gab eine Zugabe und zum zweiten Mal in Folge fand nun der die sommerliche Festivalsaison beendende Großevent auf dem Flugplatz Borkenberge in Lüdinghausen statt. Auch diesmal schien das Festival aufgrund der noch vor Ort erhältlichen Tages- und Kombitickets nicht ausverkauft zu sein. 15.000 sollen es dann nach Aussage der Veranstalter auf der für höchstens 20.000 Partypeople ausgelegten Veranstaltung gewesen sein – und das waren immerhin schon 5.000 mehr als noch im Jahr zuvor.
FREITAG
Hochkarätige Gäste spielten zum Tanz auf und so war es auch
kein Wunder, dass der Zeitplan auch dieses Mal minutiös geplant
und eng war. Eine halbe Stunde war drin zwischen den Bands, nicht mehr.
Doch genug Zeit, um sich in den Pausen auf dem durchaus übersichtlichen
und weitläufigem Camping- oder Festivalgelände mit Getränken
oder Schatten zu versorgen, denn Frau Sonne meinte es ab Freitag, pünktlich
zur ersten Band Mikroboy, gut. Die Beck’s-Gewinnerband, die das
Area4 eröffnen durfte, konnte die kleine Schar, die sich schon
um 14:30 Uhr vor der Bühne eingefunden hatte, mit ihrem erfrischend
unbritischem Synthieindierock und den deutschen persönlichen, ehrlichen
und doch vollends unpeinlichen Texten überzeugen. Hier wurden sicherlich
einige neue Fans dazugewonnen, denn „wer trinkt, gewinnt.“
Somit war der Boden geebnet für die vier Herren von The Gaslight Anthem, die folgten und sichtbar Spaß hatten, bei dem was sie taten. Zwar waren die dünn besiedelten ersten paar Reihen vor der Absperrung durchzogen von lethargischen Rumstehern, doch der Funke sprang vom ersten Ton an auf die über, die wussten, wie es weitergehen würde. Und das waren schlussendlich nicht wenige, die nach dem letzten Song zu Recht in tosenden Beifall ausbrachen. Brian Fallon bewies in Bruce Springsteen-Manier einmal mehr, wie viel Herzblut man in Songs füllen kann, ohne dass sie zu überlaufen drohen. Und wie groß sowohl die Herzen als auch die Songs sind, wurde lautstark und spielfreudig demonstriert. Mehr davon!
Drüben im Zelt betraten die Garage-Indierocker Blood Red Shoes
die Bühne, um den Sohlen des Publikums Zunder zu liefern. „Blood
Red Shoes? Sind die nicht so wie die White Stripes?“ - „Ja,
nur umgekehrt und aufregend gut.“ Genau davon konnte man sich
unter der Zeltdecke eine Dreiviertelstunde lang überzeugen. Und
Blood Red Shoes sind schon lange kein Geheimtipp mehr. Über 50.000
Freunde auf MaiTaiSpace, eine erfolgreiche Tour im Rücken und die
nächste direkt in den Starlöchern sprechen eine deutliche
Sprache.
Neben den vielen Songs vom aktuellen Album „Box of Secrets“,
gab es natürlich auch Stücke der EP, die noch besser aufgenommen
wurden. Dessen ungeachtet merkte man, wie viele Auftritte das Duo in
letzter Zeit gespielt hat und wie positiv sich dies auf die Sicherheit
on stage ausgewirkt hat. Gewohnt schüchtern-konzentriert spielte
sich die bezaubernde Laura-Mary Carter hinter ihrer Frisur versteckt
zusammen mit Drummer Steven Ansell tiefer in die Gemüter des Publikums,
von denen viele noch zu The Futureheads zu bleiben schienen. Sänger
Barry Hyde betrat zum ersten Lied schon völlig verschwitzt die
Bühne. Ein Zustand, der sich im Laufe der nächsten Minuten
noch verstärken sollte. Es wurde warm im Zelt, auch wenn sich vor
der Bühne kaum etwas tat, was man mit Bewegung vergleichen konnte.
Trotzdem sangen sich vier fröhliche Sänger durch über
eine Stunde gut verdaulichen Indierock, der teils jedoch erst nach Genuss
der CDs so richtig ins Ohr geht, um dort seine vollständige Güte
zu entfalten. Die meisten Festivalbesucher zog es derweil aber zu den
alten Säcken von Bad Religion.
Musikalisch Untermalte Comedy zum Abschluss des ersten Tages: Die Ärzte aus Berlin (aus Berlin!) bogen zum bevorstehenden Ende ihrer ausgedehnten Jazzfäst-Tour neben Dülmen rechts ab, um das Area4 zu beehren. Mit „Himmelblau“, dem Opener des aktuellen Albums, fiel dann der schwarze Vorhang, auf den in Riesenlettern „Achtung: Jazz!“ gedruckt war und welcher eine große LED-Leinwand verdeckte, die je nach Song etwas anderes zeigte. Was folgte, wird wahrscheinlich wieder kontrovers diskutiert werden. Man hörte, wie bei jedem auf einem Festival stattfindendem Konzert von Die Ärzte, einmal mehr Kommentare, die von „ich piss mir gleich in die Hose vor Lachen“ über „boah, sind die alt geworden… aber immer noch geil!“ bis hin zum nörgelnden „früher fand’ ich die besser“! reichten. Doch in der Setlist fand sich das ein oder andere alte Schmankerl und natürlich auch Songs aus der Zeit unmittelbar nach der Reunion bis hin zu den Singles vom neuen Album. Kreuz und quer ging es zwei Stunden lang durch mehrere Jahre Jazz-Geschichte, sodass schlussendlich behauptet werden dürfte, dass für jeden etwas dabei gewesen sein müsste.
SAMSTAG
Die Kieler Berufsassis von Smoke Blow durften nach den Kilians 45 Minuten ran und versuchten, den sich einnistenden Kater vom Vortag durch ein rockiges Kielholen auf Schlagseite zu befördern und zu ertränken. Dies klappte hauptsächlich bei denen, die jede Zeile laut mitgrölen konnten und wussten, was sie erwarten können. Dick auf die Mappe nämlich. Das klappte ganz gut und machte Laune, den weiteren Tag in Angriff zu nehmen.
Den ersten großen Circle Pit des Wochenendes forderten Less Than
Jake, bekamen ihn, und zwar um den Mischerturm herum – mit einer
beachtlichen Menschenmasse. So viel Bewegung beim Festivalvolk erreichten
Pennywise nicht. Natürlich war „Bro Hymn“ zum Abschluss
der Mitgröhlklassiker, aber der Rest klang doch arg gleichförmig,
und nach acht Jahren braucht wirklich niemand mehr ein „Fuck Bush“.
Nach gefühlten hundert Auftritten von Ghost Of Tom Joad im Ruhrgebiet, der Schalt- und Waltzentrale von GETADDICTED, war es natürlich auch mal wieder an der Zeit für die drei, ein Festival zu beschallen. Die „Renegades of Love“ sausten los und kamen ohne Schlaf mit „Symptoms and Signs“ beim Ostkreuz an. Und das Ganze wurde beklatscht, bejubelt und überhaupt wissen wir alle, dass Ghost of Tom Joad umgänglich und sehr sympathisch sind. Zwar war die knallenge, anscheinend speziell für Schlagzeuger angepasste adidas-Badeplinte nicht unbedingt eine Augenweide, bei derart körperlicher Betätigung jedoch durchaus verständlich und zu tolerieren. Gewohnt souverän und frisch klingt der Münsteraner Dreier und hat sicherlich den einen oder anderen Ungläubigen konvertieren können.
Millencolin zogen mit energielgeladenem melodischem Punkrock eine große Menschentraube in ihren Bann. Die „Machine 15“ lief wie geschmiert – passend trugen alle Bandmitglieder sogar Shirts mit einem „Machine 15“-Aufnäher auf der Brust. Zwar sind Millencolin live seltsamerweise meistens langsamer als auf Platte, was dem Ganzen ordentlich Drive nimmt, trotzdem stand dem sonnenerfüllten Nachmittag das, was auf und vor der Bühne abging, sehr gut. Egal, ob im Pit oder auf der Wiese mit Wolldecke unterm Hintern.
Naturgemäß fanden alle Auftritte unterschiedliches Echo:
Für die einen waren Serj Tankian wie auch die Scars On Broadway
nur System Of A Down minus X, für andere eine Offenbarung. Für
die einen waren The Sounds immer gleich klingender Indiequatsch, für
andere die Band überhaupt. In einem Fall waren aber wohl alle Anwesenden
einig: Biffy Clyro! Drei zauselige Schotten in Jeans und nacktem Oberkörper,
die in punkto Intensität einfach alles wegpusten. Zwischen gepackt
sein und staunen, sabbern und einfach nur „boah“. Als die
Band nach „57“ (das sie übrigens als „27“,
ein Track vom gleichen Album ankündigten) standen nur glückliche
Gesichter im Zelt.
23:30 Uhr: Selbstbewusstsein und Arroganz in seiner vollendeten Form – Unsere new favorite band The Hives spielen! Wie auch letztes Jahr Gast auf dem Area4, waren sie nun Headliner am Samstag und machten ihre Sache mehr als gut. Spagatsprünge mit wallendem Haar, übergewichtige Bassisten mit Schnauzbärten und ein Stöcke jonglierender Schlagzeuger mit 11 von 10 Punkten auf der Poserskala rundeten das 90minütige Set ab, in dem sowohl Kracher wie „a.k.a. I-D-I-O-T“, aber auch komplett neue Lieder gespielt wurden. In diesem Sinne: „Area4, mein Schatz, alle Zuschauer von Die Hives bitte klappen die Hände!“
SONNTAG
Es sieht einfach immer wieder lustig aus, wie die viel zu kleine Charlotte Cooper ihren viel zu großen Bass umschnallt und über die Bühne hüpft, als hätte sie ein Sprungseil in der Hand. Am viel zu frühen Sonntag mittag traten The Subways aber dem Kater schonmal ordentlich in den Hintern.
Die Experimentalisten von Dredg hatten erhebliche Sound- und Stimmprobleme, die sich zwar im Laufe der Show minderten, aber dem Gesamteindruck einen faden Beigeschmack gaben. Und für Neueinsteiger war diese open air-Gig kein adäquater Einstieg in die Welt dieser durchaus begabten Band, denen in anderer Location mit besseren Umständen sicherlich mehr Beifall gespendet werden würde.
Gogol Bordello überschnitten sich zeitgleich mit Bloodlights,
was erklärt, warum für manche eine der beiden Bands leider
völlig flachfiel und dies womöglich erst später bemerkt
wurde. Wie dem auch sei, die Gypsy Punks von Gogol Bordello machte den
Sonntagnachmittag zu einem heißen Fest, bei dem gesprungen, gejohlt
und geklatscht wurde. Herr Hütz in seiner Plunderhose mit Akustikgitarre
herumhüpfen zu sehen, während er zwei neongrün gekleidete
junge Damen über die Bühne jagt, unterscheidet sich dann doch
zu sehr von konventionellen Auftritten, als das diese Band nicht abgefeiert
werden musste.
Über Sinn und Unsinn von Apocalyptica kann man streiten – ein Erlebnis ist es definitiv: optisch, wenn man nur beobachtet, wie die Herren mit ihren Celli über die Bühne springen, synchron den Kopf samt Haarschopf kreisen lassen, und das alles in eine fantastische Lichtshow getauscht. Und auch akustisch sind neben den alten Metallica-Klassikern wie „Fight Fire With Fire“ auch Bowie-Songs und eigenes Material eine willkommene Abwechslung.
Das besonders, zumal Soulfly als Slipknot-Ersatz die Leute doch eher mit stumpfen Riff- und Brüllgewittern zurück ins Münsterland und darüber hinaus jagten. Highlights: „Roots“ von Sepultura und der kleine Circle Pit am Rande der Zuschauermenge; zwei Hände voll Leute, die teilweise im Bademantel einfach um sich selbst und schließlich um einen Pulk Fotografen herumtänzelte und abschließend zum Shooting posierte.
Ein großes Kompliment im Übrigen noch an das Sicherheits-
und Ordnerpersonal, dass wohl das freundlichste und am besten organisierteste
war, das man sich wünschen kann.
Und selbst bei wuchernden Bierpreisen von 2,80€ + 1€ Pfand
für 03,l und Abschaffung der Einzelduschen mit Ablage (ganz zu
schweigen von den mit Blattgold verzierten Toiletten aus dem Vorjahr…),
hat es sich einmal mehr gelohnt, einen Flugplatz in Ausnahmezustand
zu erleben und es bleibt weiterhin zu hoffen, dass auch nach 2009 noch
viele vierte Areale stattfinden. In diesem Sinne: Zuu-gaa-bäh!
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