"DAS MYSTERIUM SUBKULTUR VERKAUFT SICH VIEL ZU LANGE ZU GUT"

 

Interview mit Zock von Astpai // September 2007

 

GETADDICTED: In "Lies & Affection" sprecht ihr eine sehr klare Sprache. Mit welcher bekannten Person, die sich von diesem Songtext angesprochen fühlen sollte, würdet ihr euch gerne mal an einen Tisch setzen und was würdet ihr derjenige Person sagen?
Zock: Der Text zum Song entstand schon vor einiger Zeit, als ich begann, mich ausgiebiger über die Auswirkungen und Hintergründe westlich-gesteuerter Globalisierung zu informieren.
Bei dieser Bandbreite an korrupten Unternehmen, verbrecherischen Hintermännern und uns, der Bevölkerung, als viel zu oft schier desinteressierten, konsumierenden und akzeptierenden Haufen, fällt es ziemlich schwer, sich jemanden bestimmten rauszupicken.
Ich würde einen Text wie den zu „Lies & Affection“ heute nicht mehr schreiben, denn mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es als einziges nachhaltig Sinn macht, permanent seine Umgebung zum Gespräch und somit zum nachdenken zu zwingen.
Und glaub mir: Als überzeugter Anti-Patriotist, Gegner jeder form von Homophobie und darüber hinaus noch Vegan-Lebender in Österreich, holst du dir beinahe ununterbrochen irgendwelche Leute an diesen eingangs erwähnten Tisch.

GETADDICTED: "A declaration of War" enthält die Zeile: "against a male dominated scene". Ist dieses zahlenmäßige Übergewicht nicht auch in den Wurzeln der Subkultur an sich begründet (im Gegensatz zu anderen Subkulturen wie den Hippies)?
Zock: Ich würde die Phrase "a male dominated scene" grundsätzlich nicht auf die Anzahl der männlichen/weiblichen HC/Punk-Kids beziehen. Zur Erklärung: Der Text entstammt einer Veröffentlichung des Phoolan Devi-Kollektivs, einer feministischen Gruppe aus unserer nahen Umgebung, die in selbstgemachten Zines und Flyern beschreibt, wie verflucht streng es in unserer HC/Punk-szene für Frauen sehr oft abläuft, was das schubladisieren oder das verurteilen individuellen Auftretens betrifft; dass man es als Frau häufig zu spüren bekommt, wenn manche männliche "Gleichgesinnte" mit selbstbewusstem weiblichen Handeln in einer, sich so oft als weltoffen-präsentierenden Szene, nur schwer umgehen können und immer noch versuchen, Frauen bestimmte Muster aufzulegen. Deshalb verstehe ich diese Zeile ganz klar als Ablehnung jedes diskriminierenden und unterdrückenden Machotums.

Um aber deine frage zu beantworten: Ja, eine zahlenmäßige Überlegenheit hinsichtlich eines Geschlechts kann bestimmt auf die Entstehung und Verwurzelung der jeweiligen Subkultur zurückzuführen sein. Doch das sollte in einer Szene mit links-politischem Bewusstsein meiner Meinung nach keinerlei Bedeutung haben. Dass dem zu häufig nicht der Fall ist, versucht das Phoolan-Devi kollektiv eben zu publizieren.

GETADDICTED: Hardcore und Punk sind als Gegenbewegung entstanden. Bei Konzerten scheint sie immer mehr zu einem Klischee verkommen zu sein. Wie sind da eure Erfahrungen?
Zock: Ich denke, dass man recht schnell erkennt, worin der personell-ideologische Kern einer jeden heutigen, lokalen Hardcore/Punk-Szene liegt. Nichtsdestotrotz verkauft sich das große Mysterium "Subkultur" schon seit viel zu langer Zeit viel zu gut - und kein Ende in Sicht. Aber Trendhopper kommen und gehen, immer auf den nächsten Zug wartend. Uns als oftmals Doordeal-Bezieher soll’s recht sein, haha.

GETADDICTED: Wenn eine Gegenbewegung zu einer Szene mutiert, in der sich die gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen reproduzieren, was bleibt dann von ihr übrig?
Zock: Nichts, in das es sich lohnt, weitere Energie zu investieren. Gegenbewegung und Subkultur muss sich abseits der Gesellschaft und ihren vorgefertigten Rastern und Werten, sowie etablierter medialer Beeinflussung und Herrschaftsstrukturen im allgemeinen abspielen, um als Freiraum für Individualität zu dienen. Allerdings weiß ich auch aus eigener Erfahrung, dass es oft nicht leicht ist, ohne gewisse finanzielle Aushilfen zumindest ein Minimum an Handlungsfreiraum und Verwirklichungsmöglichkeiten zu bieten. Leider bedeutet finanzielles Unterstützen für viele auch automatisch das Recht auf Bestimmung.

GETADDICTED: Wendet man die "Declaration Of War" in ein Programm: Wie sähe das aus? Was wären konkrete Schritte eurerseits?
Zock: Hehe, das klingt schwer nach einer Bedienungsanleitung. Ich kann dir da keine konkreten Schritte nennen, da sich jeder einzelne zuerst selbst auf seine Person besinnen muss. Für mich gilt die "declaration of war" als eine Art Orientierungshilfe: Es geht darum, sich selbst, seine Aussagen und Taten ständig zu beleuchten und mit dem, wodurch sich andere Personen angegriffen oder diskriminiert fühlen zu vergleichen, um sich weiterzuentwickeln - in seiner oft unkomplizierteren, weil gewohnten Art und Lebensweise einen schritt zurück zu steigen, bringt einen oft um Welten weiter an andere Menschen heran als ein unbehirnter plumper Sprung nach vorn.

GETADDICTED: Ihr habt einen deutschsprachigen Song auf eurem aktuellen Album. Warum einen deutschen? Warum ausgerechnet dieser? Erreicht man mit deutschen Texten nicht gerade auch im deutschsprachigen Raum mehr Leute (in bezug auf die Inhalte)?
Zock: Aus irgendeinem Grund fand sich noch auf jeder unserer Veröffentlichungen ein deutscher Song. auch auf unserem kommenden Release wird einer drauf sein. Frag mich bitte nicht woran das liegt, ha.
Es gibt für mich manche Gedankenzüge, die ich einfach nur in deutsch so ausdrücken kann, wie ich es will und wie ich es auch verstanden haben will. Aus diesem Grund sind unsere deutschen Songs auch meist die persönlichsten. Manchmal liegt es aber auch einfach daran, dass ein Thema behandelt wird, das so speziell ist, dass es wirklich nur an eine bestimmte Person oder eine bestimmte Personengruppe in unserer nächsten Umgebung gerichtet ist.
Bei "Wünscht du wärst längst" geht es schlichtweg um eine Zeit in meinem Leben, in der ich mich körperlich und teilweise auch geistig am Ende gefühlt habe. Ich musste damals eine lange zeit in Krankenhäusern verbringen. Gleichzeitig umfasst der Text auch die ersten Schritte zurück in meinen damaligen Alltag und in ein sehr ungewohntes Umfeld.
Ich glaube nicht, dass man mit deutschen Texten im deutschsprachigen Raum automatisch mehr Leute erreicht. Ich glaube aber wohl, dass man sich mit dem Beschränken auf deutschsprachige Songtexte die Chance nimmt, Leute aus anderssprachigen Ländern mit seinen Gedanken zu erreichen.

GETADDICTED: None More Black schreiben als Comment auf eurer Myspace-Seite: "Infernal Hails". Was wäre für euch eine Art "Ritterschlag" von Bands wie Paint It Black, Kid Dynamite oder None More Black?
Zock: Haha, ja, das hat uns tatsächlich sehr gefreut. Wir haben Paul, den Bassist von None More Black, letztes Jahr kennen gelernt, als er als Gitarrist mit Kill Your Idols auf Europatour war. Wir haben in Wien den Support gespielt.
Paul hat uns nach unserer Show begeistert erzählt, wie gut ihm unsere Songs und unser Auftritt gefallen haben. Daraufhin gab’s für ihn vorab schonmal unser damals noch unveröffentlichtes zweites Album in vierfacher Ausführung und so blieb man dann eben in Kontakt.
War natürlich ein großes Ding für uns, da None More Black von ihren allerersten Veröffentlichungen an immer einen großen Einfluss auf unser Songwriting hatten. Eine Riesenfreude wäre natürlich als Support Act mit einer der drei oben genannten - und eigentlich auch zahlreichen anderen - Bands auf tour/reunion-tour zu gehen, jep.

GETADDICTED: Kennt ihr eigentlich Deny Everything? Wenn nicht, schnell anhören!
Zock: Yo, Deny Everything kennen wir. Hammerband aus Löln. Leider noch nie live gesehen.

 

 

Interview: Jens Becker
Fotos: Marco Christian Krenn