THIS IS FLORIDA, NOT BAVARIA

 

Chuck Ragan & Friends im FZW, Dortmund // 13.05.2008

 

Sich gerade erst der verschwitzten Klamotten vom Hot Water Music-Gastspiel in Münster entledigt, ist es drei Tage später an der Zeit mit frischem T-Shirt dem Dortmunder FZW einen Besuch abzustatten. Der Grund dafür, ein schnelles Wiedersehen mit HWM-Frontmann Chuck Ragan.

 

So eben noch die Post-Hardcore-Szene in einen kollektiven Rauschzustand versetzt, schlägt der Vollblutmusiker heute weitaus leisere Töne an. Zusammen mit Digger Barnes und Austin Lucas tourt sich Ragan ohne Verzerrer durch die Clubs. Persönlicher, reduzierter, für einen schwülen Dienstagabend genau das richtige. Zunächst betritt Barnes die Arena, um vom Leben als Imbissbesitzer zu berichten. Exakt in der Mitte von Nirgendwo führt Digger sein „Diamond Dinner“, wo regelmäßig seltsame Typen einkehren. Das Spezielle an Diggers Auftritt aber sind nicht dessen krude Erzählungen, sondern die „Magic Machine“ am Bühnenrand. Denn während der Barde seine Anekdoten ans Volk bringt, zaubert Mitstreiter Pencil Quincy parallel mit Hilfe einer Laterna Magica selbstgebastelte Kulissen auf die Leinwand hinter Barnes. Voller Faszination folgt das Publikum dem seltenen Schauspiel und bleibt trotz schlechter Luft bis zum letzten Bild im Raum, anstatt - wie an Sommertagen zumeist üblich – dem Vorprogramm die kalte Schulter zu zeigen.

Wenig später vermag es auch Austin Lucas - ohne mediale Unterstützung - die Besucher in seinen Bann zu ziehen. Der Folk-Sänger versteht sich auf die höhen Töne und hat Blues geleckt. Bonuspunkte sammelt die Wuchtbrumme zudem durch fröhliche Zwischenkommentare und verschmitzte Gesichtsausdrücke. Lucas´ Sound ist tief in den Südstaaten – nein, nicht Bayern! – beheimatet und macht große Lust darauf, sich alsbald mal wieder „O Brother, Where Art Thou?“ anzusehen.

Es folgt Chuck Ragan. Man merkt, der Mann hat Musik in den Adern und genießt es, seine Songs live zu spielen. Der Vorteil gegenüber Auftritten mit Hot Water Music ist sicherlich der, dass es solo im kleineren Rahmen weit weniger hektisch zugeht. Keine Dancing-Mob-Hundertschaften, die nach Punkrock gieren, sondern entspannte Klientel zum Zuhören. Die zahlenden Gäste haben sogleich auch Jon Gaunt ins Herz geschlossen. Der Schlacks mit Zottelbart und Avail-Mütze scheint vom Aussehen her tief in den Sümpfen Floridas beheimat zu sein, spielt aber nichtsdestotrotz vorzüglich Geige und verleih dem Ragan-Songs dadurch eine Extraportion Tiefgang.

Am Ende stehen Ragan, Gaunt, Lucas und Barnes noch für ein paar Songs gemeinsam auf der Bühne. Nicht von ungefähr, hatten sie doch beim Einspielen des dieser Tage erscheinen Albums „Bristle Ridge“ allesamt ihre Finger im Spiel. Die Atmosphäre ist familiär, vor und auf der Bühne regiert die Zufriedenheit, ehe penetrante „Einer geht noch - Einer geht noch rein“-Zugaberufe eines betrunkenen Spät-Pubertierenden sich schließlich schmerzverzerrt durch die entspannte Stimmung schneiden. Den karnevalesken Aufforderungen wird dankeswerter Weise nicht nachgegeben. Manchmal ist weniger dann doch mehr wert.

 

 

 

 

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Verfasser: Michael Blatt
Archivfoto: Mathias Schumacher