KREUZFAHRTSCHIFF STATT WINDMÜHLE

 

Interview mit Escapado in Essen // 19. Oktober 2007

 

„Wir müssen hier noch eben das Spiel zu Ende spielen“, bittet Escapado-Gitarrist Sebastian zunächst um etwas Geduld. Es ist Freitag Abend im Billardraum des Essener Emo. Bassist Gunnar hat den Sieg vor Augen, versenkt dann jedoch die schwarze Kugel im falschen Loch. Trommler Christoph ist zu diesem Zeitpunkt mit dem Verleihen seines Schlagzeugschemels beschäftigt, während Sänger Helge desinteressiert wirkend in einer Zeitschrift blättert. Dann aber schlurft der Vokalist überraschend mit in einen ruhigeren Nebenraum, um sich zusammen mit Sebastian dem geballten Fragenkatalog zu stellen. Es folgt ein Gespräch mit zwei sympathischen Gestalten, die von Minute zu Minute mehr auftauen und Auskunft über Dresscodes, Windmill-Moves und Kreuzfahrten geben.

 

GETADDICTED: Es gibt zu „Deine Wahrheit“ einen Aufnäher. Wie passt die Aussage „Was ist Glaube? Was ist Liebe? Was ist Hoffnung?“ zum abgebildeten Panzer?
Sebastian: Das hat Tim gemacht, der damals das Artwork für uns gemacht hat. Er hat diesen Gegensatz ganz bewusst gewählt. Das ist gerade das Ding, dass ein Panzer eigentlich für etwas anderes steht, als für Glaube und Liebe.

GETADDICTED: Für Walter endet in „The Big Lebowski“ der Pazifismus bei einem Ligaspiel. Ab wann wird bei euch die „Hand zur Faust“ ?
Helge: Ist das jetzt auf körperliche Gewalt bezogen? Ich habe noch nie jemanden geschlagen und werde es auch in Zukunft nicht tun. Diese Zeile wird sehr oft verwendet, weil sie sehr plakativ ist, aber wenn man den Text mal weiter liest, ist die nächste Zeile „Und sie schlägt auf dich ein“. Sie also darauf bezogen, dass man mit Gewalt eigentlich nichts ändert, sondern im Endeffekt nur sich selbst schadet.

GETADDICTED: Erklärt bitte den Entstehungsprozess von „Ausgeblendet“. Kam irgendwann jemand in den Proberaum und sagte: „Männer, lasst uns mal ein Neun-Minuten-Epos komponieren!“?
Sebastian: Ich hatte mehrere Parts zusammen und das Ende ist dann durch klassisches Jammen entstanden. Es war jetzt nicht so, dass wir gesagt haben, wir machen jetzt einen Neun-Minuten-Song. Wir haben den Song gemacht und das Ende kam dann so, dass ich nicht gewusst hätte, in welchen Part das noch hätte reingehen sollen. Es klingt aber auch nicht so, als hätte man das schnell abbrechen können.

Auch „Coldblackdeathbloodmurderhatemachine“ (unglaublich, wie schnell ihm der Titel von den Lippen geht, Anm. d. Red.) hat einen längeren Part und ist ein längerer Song.
Ich finde auch „Worte“, nee, „Kommando MOSFET“ heißt der jetzt, ist ein längerer Song Auch wenn er im Endeffekt nur dreieinhalb Minuten dauert, passiert in den dreieinhalb Minuten halt recht viel. Vom Aufbau her unterscheidet sich das gar nicht so sehr.

GETADDICTED: Welcher Escapado-Song hat das größte Discopotenzial?
Sebastian: „Verbindung“
Helge: „Magnolien“
Sebastian: „Magnolien“? Wobei der lange Part…
Helge: …Ja das stimmt auch wieder.
Sebastian: „Grau in Grau“ vielleicht noch. Ich sage „Verbindung“ und „Grau in Grau“, weil die recht eingängig sind.
Helge: „Verbindung“ auf jeden Fall.


GETADDICTED: In jedem Rock´n´Roll-Käseblatt findet sich in diesen Tagen ein Review eurer neuen Platte „Initiale“. Lest ihr all die Rezensionen und wie reagiert ihr auf Begeisterung und negative Kritik?
Helge: Wir haben sehr viele Reviews gelesen und uns echt gewundert, dass da soviel positives dabei war.
Sebastian: Eigentlich nur positives.
Helge: Es hat uns ein bisschen überrascht, dass es soviel positives ist, weil diese Verbindung von Hardcore und Gesangspassagen eigentlich ziemlich viel Angriffsfläche bietet.

KASTEN BIER, KEINE GAGE, DAFÜR ABER ZELTEN UND GRILLEN


GETADDICTED:
Warum wird ausgerechnet eine Band wie Escapado von verschiedenen Seiten (Labelumfeld/Presse) überdurchschnittlich stereotypisiert?
Sebastian: Werden wir das?
GETADDICTED: Bei mir kam das Gefühl auf, ihr werdet bewusst in eine Außenseiterrolle gesetzt. Im Pressetext zu „Initiale“ heißt es zum Beispiel: „Keine schwarzen Haare, keine Tattoos oder Piercings.“
Sebastian: Es ist eine Anspielung darauf, dass die meisten Bands sich von vorneherein solche Dresscodes auch anlegen. Man sieht schon gleich an der Kleidung, dass sie solche Mucke machen. Das ist bei uns halt einfach nicht so. Wir haben nicht mit der Musik angefangen, um diesen Lifestyle zu leben, sondern der Musik wegen. Wenn du so einen Pressetext hast, suchen die Leute schon etwas, wovon man sich von anderen Bands unterscheidet.
GETADDICTED: Ich hatte das Idealbild, dass es eigentlich nicht notwendig gewesen wäre.
Sebastian: Eigentlich ist es auch nicht notwendig, aber heutzutage ist es bei den meisten Bands einfach so. Es geht immer mehr in Richtung Style und man macht nur noch die notwendige Musik dazu.
GETADDICTED: Auch bei den Bands in eurem Umfeld? Oder eher im Mainstreambereich?
Helge: Schon eher im Mainstreambereich. Bei den Bands, mit denen wir spielen, ist es nicht so, dass es jetzt unbedingt immer so style-mäßig ist. Eher selten.
Sebastian: Findest du? Ich finde bei den allermeisten Bands schon. Sag mir mal, wo das nicht so ist. Heute ist das bei den beiden zum Beispiel auch so (Grüße an The Autumns Regret & Kontrapunkt, Anm. d. Red.).
Helge: Ich würde auch nicht sagen: „Hey, ich sehe so viele Bands, die sich stylisch kleiden und mache jetzt genau das direkt entgegengesetzte, um ein Statement zu hinterlassen.“
Sebastian: Viele fahren von Beginn an das komplette Programm, und das ist bei uns halt nicht so.

GETADDICTED: Sei es als Headliner, oder als Vorband. Ihr spielt vor einer sehr heterogenen Zuschauerklientel. Gibt es persönliche Vorlieben?
Helge: Was wir nicht so gerne mögen, ist dieses Bollo-Ding, im Sinne von selbstdarstellendem Tanzen. Das ist bei uns auch zum Glück noch nicht vorgekommen. Das war bei einigen Vorbands schon mal so und da haben wir auch gedacht: „Was machen wir denn eigentlich, wenn die anfangen irgendwelche Windmill-Moves zu machen?“
Sebastian: Wenn der Club voll ist, in dem man spielt und die Stimmung gut ist, dann ist es halt gut. Zum Beispiel bei Death By Stereo (Zeche Carl in Essen, Anm. d. Red.): Das war ein großer Club und da war es auch nicht so doll gefüllt. Es waren auch nicht so viele Leute wegen uns da, dann ist es schon so, dass es schwieriger zu spielen ist und nicht so viel Spaß macht. Als Supportband wissen wir das aber auch. Da machen wir eher Werbung, dass die Leute, die es geil fanden, vielleicht noch mal auf eine eigene Show kommen. Wenn ein Raum dann voll ist, ist es auch egal, ob hundert oder fünfhundert Leute kommen.
Helge: Es ist dann diese Gruppendynamik, oder das gegenseitige Hochschaukeln, das es dann ausmacht.

GETADDICTED: Aus welchen Gründen würdet ihr eine Konzert-Anfrage ablehnen?
Sebastian: Wir haben auch schon Anfragen abgelehnt. Neulich meinte jemand: „Ihr könnt bei uns spielen, ihr kriegt einen Kasten Bier, Gage gibt es nicht, ihr könnt aber da auch Zelten und wir Grillen dann noch.“ Es häuft sich in letzter Zeit, dass Leute kommen und uns auf ihren Geburtstag einladen wollen. Das kann zwar ganz witzig sein, aber grundsätzlich sind wir keine Geburtstagsband. Ansonsten spielen wir eigentlich alles. Wir sagen auch nicht, die Bühne muss so und so groß sein.
Helge: Ich denke, wir würden auch Dinge absagen, die einen gewissen Hintergrund haben, hinter dem wir nicht stehen können.

GETADDICTED: Im Boot der All-Star-Tour 2008 sitzen neben Escapado noch…
Sebastian: Antitainment würden wir noch mitnehmen.
Helge: Ja, auf jeden Fall.
Sebastian: Kurhaus.
Helge: Die machen wir wieder fit. Kill.Kim.Novak nehmen wir auch mit. Todd Anderson. Matula.

GETADDICTED: Welche Auftrittsoption würdet ihr am ehesten einlösen wollen? Einmal an der Seite von Yage spielen, eine Tour auf einem Kreuzfahrtschiff bestreiten oder als Figuren in einer Simpsons-Folge erscheinen?
Sebastian: Dann würde ich die Kreuzfahrt-Tour nehmen.
Helge: Mit dem Hintergrund, dass wir irgendwann mal mit Yage gespielt haben. Das war glaube ich 2004/2005.
Sebastian: Es sind für uns auch nicht irgendwelche Helden.

GETADDICTED: Ihr bringt vor der Hamburger Bürgerschaftswahl auf Renkes Zeitstrafen-Label unter dem Namen Waterpunk Resistance die streng limitierte Single „Not just Beust Fun“ heraus. Warum läuft das Projekt unter einem Pseudonym und habt ihr 7 Seconds eigentlich offiziell um Erlaubnis gefragt?
Sebastian: Unter dem Pseudonym bekommen wir mehr Aufmerksamkeit. Escapado kennt ja eh keine Sau. Um Erlaubnis gefragt haben wir nun nicht.

GETADDICTED: Schätzfrage: Wem wird dieses Interview auf der Karriereleiter weiter nach oben bringen. Euch oder mich?
Sebastian: Uns beide gar nicht. Komm darauf an, was du jetzt daraus machst.
Helge: Im Zweifelsfall würde ich sagen, dich. Weil wir schon so groß sind.
Sebastian: Weil wir so einen Scheiß reden, dass uns Interviews überhaupt nicht weiter nach vorne bringen…

…„Ja genau!“ pflichtet eine unbekannte Stimme aus dem Off bei. Ende!

 

 

Interview: Michael Blatt
Fotos: Burkhard Müller (facetheshow.com)