WÖRTER ZU PFLUGSCHAREN

 

Interview mit Japanische Kampfhörspiele (per Mail)

 

Während die Hälfte der JAKA-Belegschaft angeblich noch im Urlaub weilt, darf (oder muss) einer doch was sagen. Mit der neuen Platte „früher war auch nicht alles gut“ werden Kindheitserinnerungen zwischen 1998 und 2002 in „Best of“-Format verarbeitet, im Interview geht es dann aber doch um viel mehr als nur Blut und Innereien …

 

GETADDICTED: Smalltalk zum Überspringen: Wie war euer Urlaub oder seid ihr noch gar nicht wieder da? Wer war wo?
Bony: Unser Bassist hat nach einem Motorradunfall einen schönen mehrwöchigen Urlaub auf Kosten seiner Krankenkasse in einem schicken Mehrbettzimmer mit Vollpension verbracht. Ungebräunt kam er zurück und spielt nun besser Bass als vor dem Unfall. Christof war auf Juist und weilt zurzeit in Belgien. Ich persönlich habe zum letzten Mal 1999 Urlaub gemacht. Robert und Klaus machen jeden Abend Urlaub bei Burger King und was Martin angeht ... der ist erst so kurz bei uns, da kann ich Dir gar nichts zu sagen.


GETADDICTED: Das Cover euer neuen Platte sieht so friedlich aus, fast nach Elektropop, ist das bewusstes in die Irre führen?
Bony: Nö! Unsere Cover sehen ja alle so aus. Vielleicht ist das Cover auch eine optische Täuschung, weil es ja 9 Cover in einem sind. Einzeln genommen passen die alten Art Works optisch genau zu den neueren. In die Irre führen wollen wir niemanden bewusst und ein bisschen Elektro-Pop sind wir ja auch. Warte mal den nächsten Longplayer ab.

GETADDICTED: Apropos elektronische Musik, wen würdet ihr eure Songs – wenn überhaupt – remixen lassen und warum? Und was ist mit JAKA-Dancefloorcoverversionen? Gut oder böse?
Bony: Da Christof sehr hohe Erwartungen an so etwas hat, würde er sie wahrscheinlich eher selber remixen als so was aus der Hand zu geben. Ich persönlich würde gerne mal JAKA-Remixe von Aphex Twin, DJ Koze und Soulwax hören. Ein JAKA-Dancefloorcover wäre dann böse, wenn es scheiße ist. Wenn es ein guter Track ist, der besser oder zumindest wesentlich anders als das Original ist, gäbe es unsererseits keine Einwände. Wir würden das sogar begrüßen.

GETADDICTED: Die Idee mit dem Ausschneiden der Albumcover zum Einkleben ins Booklet ist klasse, hat was vom Pannini-Sammelalbum. Oder woanders geklaut? Oder nicht rechtzeitig fertig geworden? Oder Farben beim Druck sparen?
Bony: Wir wollten das Deckblatt tatsächlich erst als Aufkleberbogen beilegen. Das war uns dann aber nicht asi genug. Die alten Songs und deren Produktion sind (im positiven Sinne) asi und so sollte dann auch die Verpackung sein. Außerdem wollten wir BASTARDIZED (Anm. d. Redaktion: RECORDINGS, die JAKA-Plattenfirma), wenn wir sie schon nötigen, „alte Scheiße“ mit 16-seitigem Booklet zu veröffentlichen, nicht auch noch zusätzlich einen finanziellen Aufwand durch Aufkleber-Schnickschnack aufs Auge zu drücken.

GETADDICTED: Der rohe Sound der alten, ungeremixten – schlimmes Wort – Songs ist gut, steht ihnen und erinnert sehr an kleine, intensive Kellerkonzerte, die nach Männerschweiß stanken. Obwohl ihr ja damals noch gar nicht „draußen“ gespielt habt. Vermisst ihr die „alten Zeiten“ trotz Albumtitel oder ist heute alles besser als früher? Oder beides? Oder nix?
Bony: Die alten Zeiten vermissen würde ja bedeuten, dass wir die Zeiten vermissen, in denen wir nicht live auftreten konnten und keine gescheite Plattenfirma hatten. Des Weiteren war ich in den alten Zeiten ja noch gar nicht dabei. Da könnten dir Klaus oder Christof besser drauf antworten, aber der Klaus ist stinkefaul und Christof zur Zeit ja in Belgien. Heute ist aber sicher vieles besser als früher: wir sind eine richtige Band, können live spielen, CDs veröffentlichen und eine Menge Leute mehr als damals erreichen. Der Titel ist für uns schon Programm.

JAPANISCHE KAMPFHÖRSPIELE (kurz: JaKa) ist eine Metal-Band aus Krefeld, die musikalisch bei Grindcore bzw. Death Metal einzuordnen ist. Ihre Texte bestehen oft aus losen Satzbausteinen ("Collagen") und kritisieren die heutige Konsumgesellschaft. Deshalb bezeichnet die Band ihren Stil selbst auch als Grindpunk. 1 [Quelle: Wikipedia]

GETADDICTED: Eure Texte (Collagen?) sind Punktlandung, meist treffende, harte, böse Detailbeobachtungen verpackt in (eher) harmlosen Worten/Zeilen/Kontext. Ist es schwierig, das durchzuhalten bzw. gibt es Momente, wo man aufschreckt und denkt, ach du Scheiße, da schreibe ich jetzt zum x-ten Mal drüber, oder, mist, mir fällt nichts mehr ein, oder, nee, dass ist jetzt zu krass?
Bony: Das wäre erneut ne Frage für Christof. Aber ich versuche mein Bestes: Christof hat immer ein Notizbüchlein dabei, in das er Wort-, Satz- oder Textfetzen reinkritzelt. Mal fällt ihm selbst was ein, mal sieht er ein hochnotpeinliches Werbeplakat und schreibt den Text davon ab. Irgendwann ist das Büchlein voll. Dann sortiert er zwischen Brauchbarem und Entbehrlichem. Oft passt z. B. ein Satz von Seite 2 zu einem Textbaustein von Seite 5. Darum bezeichnet er die Texte auch gerne als Collagen. Je mehr Tonträger man veröffentlicht, desto größer ist natürlich die Gefahr, sich zu wiederholen und ein bereits aufgegriffenes Thema erneut zu verwursten. Ich mache Christof dann meist darauf aufmerksam. Wir werden uns auf der nächsten Platte mit Sicherheit nicht mehr über das abgefrühstückte Thema „plastische Chirurgie“ auslassen. Das reicht jetzt. Aber ich will auch noch nicht zu viel verraten, sonst klaut das noch jemand. Einen Text mit der Begründung „zu krass“ weggeschmissen haben wir noch nie, nur Sachen von denen wir meinen, dass sie uns in zwei Jahren vielleicht peinlich sein könnten.

GETADDICTED: Wenn man sich eure Texte so durchliest, meint man in den Neueren mehr Humor zu erkennen. Seht ihr das auch so? Und: Wo hört für euch der Spaß auf bzw. wo seht ihr die Trennlinie zwischen billigem Witz und treffender Ironie?
Bony: Das mit dem Humor habe ich schon öfter gehört. Ich finde die Texte gar nicht so lustig, was aber daran liegen mag, dass ich zu sehr in die JAKA-Sache involviert bin. Ich finde es schöner, wenn man über unsere Texte still schmunzelt anstatt schenkelklopfend laut zu lachen.
Ich denke die Trennlinie zwischen treffender Ironie und billigem Witz erhält man durch das Weglassen einer Pointe. Vielleicht sind die neueren Texte weniger boshaft und dadurch „lustiger“, weil Christof inzwischen ein wesentlich zufriedenerer Mensch ist.

GETADDICTED: Ist JAKA für euch manchmal eine Art Austoben, also quasi das Bälleparadies bei Ikea in echt?
Bony: Wir sind jetzt alle Anfang 30. Wir toben nicht mehr. Wir sind sogar sehr faul und proben, wenn's hochkommt, einmal die Woche. Der Rest passiert in Christofs Kopf und an heimischen PCs. Das ist das Schöne an JAKA: entspanntes Arbeiten bei maximaler kreativer Ausbeute.
Live ist das ähnlich. Wenn wir mehr als drei Gigs am Stück absolviert haben, brauchen wir erstmal eine 14-tägige Rekreationsphase.

GETADDICTED: Wessen Texte, egal ob Autor oder Band, mögt ihr persönlich?
Bony: Funny van Dannen, Max Goldt, Hartmut Engler.
Eine textlich sehr erfrischende Band sind auch die Gummersbacher BY BRUTE FORCE. Den Satz "”Jumping with my dirty bike five meters in the air” muss man erst mal bringen.

GETADDICTED: Wenn der Schlagzeuger wortwörtlich den Takt vorgibt, wie hoch ist dann die Wortfrequenz pro Anschlag?
Bony: Leider meist genau so hoch, wie die von ihm gespielte Anzahl an Schlägen. Wenn bei einem Blastbeat auf jedem Schlag eine Silbe liegt, habe ich das Vergnügen, zunächst einen dicken Batzen Text auswendig zu lernen, um diesen dann fehlerfrei inklusive aller ungewöhnlichen Betonungen bei möglichst geringem Atemluftverbrauch vorzutragen. Das ist im Studio noch gut machbar, live stoße ich unwiderruflich an meine Grenzen.

Zurück zu den Anfängen:
(…) schrieb Christof in einem Brief, dass japanische Kassettenrekorderhersteller ihre Geräte so manipulieren würden, dass sie seine „???“-Kassetten fressen, um so im Gegenzug ihre „Japanischen Kampfhörspiele“ besser in den Markt pressen zu können. [Quelle: Wikipedia]

GETADDICTED: Wie sind eure Beobachtungen, wie hat sich die japanische Kassettenrekorderindustrie weiterentwickelt? Sind es jetzt eher die CD-Player, die unsere Henning Mankell-CDs fressen, um ihre Japanischen Kampfhörbücher zu pushen?
Bony: Das entzieht sich meiner Kenntnis, da ich Henning Mankell verachte und folglich nichts von ihm besitze. Ich weiß nur, dass mein koreanischer DVD-Player die DVD mit dem Sodom-History-Film "Lords Of Depravity" nicht mehr ausspuckt. Das ist aber nicht schlimm, denn diesen Film kann man auch 20 Mal gucken, insbesondere die Interviewsequenzen mit Chris Witchhunter.

GETADDICTED: Andy schreibt ins Gästebuch eurer Website: hallo jungs, ich bin total verliebt und sie hat schon nen freund, das ist echt scheisse. ich hab die ganze zeit bauch-schmerzen. könnt ihr mir nicht was aufmuteres sagen. Könnt ihr oder wollt ihr nicht?
Bony: Da gibt's nichts Aufmunterndes zu sagen, da die Ausgangslage eine denkbar schlechte ist und in eine bestehende Beziehung drängt man sich nun mal nicht rein. Ihm zu sagen „das wird schon und eines Tages kriegst du sie vielleicht doch noch“ wäre doch glatt gelogen. Aber wäre es richtig, ihm zu antworten „Reiß dich zusammen, in Afrika hungern die Kinder“? Dann lieber gar nicht antworten.

GETADDICTED: Und auf der Jobseite der Website steht XXX, muss man Straight Edge sein, um japanisches Kampfhörspiel zu werden?
Bony: Das war nur ein Spaß. Das genaue Gegenteil ist der Fall: es wird viel Fleisch gegessen, vornehmlich Gänsestopfleber, viel Bier und Jägermeister getrunken und mit Vorliebe echte Lederschuhe getragen. Deshalb musste Paul auch gehen. Er weigerte sich standhaft Bier zu trinken und forderte immer nur teuren Rotwein.

GETADDICTED: Und um mit euren Worten zu enden: so viel gedroppte Namen, so viel Verpackung, aber wo ist der Inhalt? Vielen Dank für eure Antworten!

Bony: Vielen Dank, dass du nicht nach dem Bandnamen gefragt hast oder solch seltene Aufforderungen wie „erzähl mal kurz was zur Bandhistory“ vom Stapel gelassen hast. Dies war definitiv eines der besseren Interviews. Grüße an alle, die das Interview bis zum Ende gelesen haben.

 

Interview: Ingo Karkhof