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"ES SEI DENN, MICH SCHIESST DA EINER RUNTER"
Interview mit Reimer von Kettcar in Essen // Mai 2008
Draußen vor der Essener Weststadthalle warten weibliche Teenager auf Einlass, drinnen fabulieren drei gesetztere Herren über Größenwahn, Chartplatzierungen und 20.000 Jungfrauen. Bassist Reimer Bustorff im Gespräch. Und das geht so:
GETADDICTED: Ist eine Konzertreihe mit acht Auftritten am Stück
in Hamburg, alle in verschiedenen Locations stattfindend, nicht auch
ein kleiner Anflug von Größenwahn?
Reimer: Ja, ist es auf jeden Fall, allerdings waren da auch Locations
bei, die sehr klein waren. Wir haben angefangen im Schmidts Tivoli,
wo 500 Leute reingehen. Das war eine Kooperation mit dem NDR. Danach
haben wir vor 300 Zuschauern gespielt, dann sind wir mit 200 Leuten
auf einem Schiff gewesen. Zum Schluss waren dann auch große dabei.
Da war uns hinten raus schon klar, dass das größenwahnsinnig
ist. Wir haben noch die Fabrik ausverkauft gehabt und die Markthalle
schnell hinterher geschoben. Am Ende war alles ausverkauft.
GETADDICTED: Funktioniert so etwas auch in anderen Städten, oder
muss es Hamburg sein?
Reimer: Ich glaube, es muss schon Hamburg sein. Man kriegt die Läden
auch wirklich durch Gästelisten voll. Von 1.600 Leuten sind 100
auf der Gästeliste. Das ist für uns ein Heimspiel.
GETADDICTED: Heute in Essen mal wieder eine Show im Ruhrpott, aber
wann bitte endlich Wanne-Eickel?
Reimer: Gibt es da Möglichkeiten? Wie groß ist Wanne-Eickel?
Vielleicht machen wir das noch mal. Gute Idee. Haben wir noch nie drüber
nachgedacht.
GETADDICTED: Wie groß war während des Entstehungsprozesses
der Druck, dass am kommerziellen Erfolg womöglich auch die weitere
Existenz vom Grand Hotel-Label abhängt?
Reimer: Von Labelseite merkt man ihn schon. Das muss jetzt funktionieren
und wenn es nicht funktioniert, muss Tomte funktionieren. Sonst bricht
wirklich alles zusammen.
Es war auch so Druck da. Wir haben lange nichts gemacht, drei Jahre
gewartet. Da war uns klar, dass wir ein Album machen müssen, sonst
vergessen uns die Leute da draußen womöglich. Ich glaube
aber auch, dass wir den Druck brauchten, um zu Potte zu kommen.
"CHARTS-GESCHICHTEN SIND TOTALER QUATSCH"
GETADDICTED: Ein aktuelles Zitat von euch: „Danke Leute! Kettcar
sind auf 5. Die härteste Mainstream-Brut vor uns. Wir haben uns
wenigstens gewehrt.“ Hattet ihr beim Aufnehmen die Charts im Hinterkopf?
Reimer: Das ist auch so ein bisschen überzogen. Beim Songwriting
war das kein Thema. Man geht nicht daran, dass man den und den Leuten
jetzt gerecht werden muss. Das könnten wir gar nicht. Die Songs
entstehen emotional und sind nicht erdacht. Über Platz 5 freuen
wir uns natürlich und das haben wir auch gefeiert, aber wissen
natürlich auch, dass es im Grunde nichts bedeutet. Diese Chart-Platzierungen
sind auch Quatsch. Eigentlich – das darf ich jetzt mal so sagen
– sind wir auf Platz 3. Wir haben mehr als Duffy verkauft. Wir
stehen aber auf Platz 5, weil wir die meisten Verkäufe über
Amazon erzielt haben und die werden dann runter gewertet. Das ist alles
ein Geschiebe und Geschummel. iTunes-Downloads zählen zum Beispiel
gar nicht. Warum? Wo ist der Unterschied? Finde ich nicht schlüssig.
Insofern muss man Chart-Geschichten auch als Quatsch ansehen.
GETADDICTED: Bei der „Von Spatzen und Tauben, Dächern und
Händen“-Tour habt ihr/Marcus „48 Stunden“ angesagt
mit: „Die nächste Single, die 1LIVE nicht spielt“.
War das Verbitterung? MTV hat ja auch „Deiche“ nicht gespielt.
Reimer: Verbitterung war tatsächlich da, als MTV „Deiche“
nicht gespielt hat. Wir hatten eine mündliche Zusage von MTV. Sonst
hätten wir das Video nie gedreht, da es wahnsinnig teuer gewesen
ist. Wir waren wie vor den Kopf gestoßen, als die dann gesagt
haben, dass es nicht passt.
GETADDICTED: Andererseits ruft ihr, beziehungsweise euer Fanclub jetzt
dazu auf, für „Graceland“ bei MTV-TRL zu voten. Wie
passt das zusammen?
Reimer: Wir versuchen schon, damit sehr vorsichtig umzugehen. Von unserer
Seite heißt es nie: „Votet da, votet hier“. Das wollen
wir auch nicht machen. Dass das von der Forums-Fanseite passiert, ist
klar. Irgendwas müssen die ja auch machen. Denen können wir
das auch nicht verbieten. Ich finde es eher erbärmlich, selber
zu sagen: „Stimmt für mich!“. Das gehört sich
nicht.
GETADDICTED: Ist jetzt „Bestätigung“ da, dass Graceland
auf 1LIVE und anderen Radiosendern Rotation läuft?
Reimer: Ein Stück weit schon, aber wir hatten auch keinen Gram.
Es ist nicht so, dass wir lebenslang sauer auf MTV wären. Dass
sie „Graceland“ jetzt spielen, ist super. Es sind ja auch
immer andere Verantwortliche. Vor drei Jahren hat vielleicht bei 1LIVE
jemand gesessen, der Kettcar doof fand. Da sind wir reflektiert genug.
Wenn die Platte jetzt nach hinten losgegangen wäre, muss man damit
auch leben. Aber danach sieht es zum Glück nicht aus.
UND JETZT SIND KETTCAR SELBER QUATSCH?
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GETADDICTED: Es gab ein sehr ironisches Abschiedsstatement von ...but
Alive, in dem es hieß, dass der Grund der Auflösung war,
dass es nicht zum Chartseinstieg und zu Radio-Airplay gereicht hat.
Das endete sinngemäß: „Natürlich alles totaler
Quatsch“. Jetzt seid ihr selbst Teil des „Quatsches“.
Reimer: Im Grunde greifen wir nur das auf, was wir vorgeworfen kriegen
und machen uns darüber lustig. Die ersten, die gehört haben:
...but Alive lösen sich auf, jetzt gibt es Kettcar, riefen gleich
„Verräter!“. So ging es los und im Grunde kannst du
nur so darauf antworten.
GETADDICTED: Polarisiert deshalb eine Band wie Kettcar so sehr?
Reimer: Ich kann gut damit leben, dass Leute es scheiße finden,
was wir machen und verstehe auch, wenn Leute sagen, sie bleiben in der
Punkszene. Ich glaube nicht, dass wir unsere Wurzeln vergessen oder
verraten haben und finde es anmaßend, wenn das jemand behauptet.
Ich muss nicht von jedem geliebt werden und kann es verstehen, wenn
jemand härtere oder politischere Musik hören möchte.
Die erste Kettcar-Platte war nun mal gar nicht so politisch und resultierte
aus dem Gefühl, das wir damals hatten. Das hat sich auch geändert
mit der Zeit. Ich lass und muss mir da nichts vorwerfen lassen.
GETADDICTED: Gibt es auf „Sylt“ eine Textzeile, die den
Ist-Zustand der Band treffend beschreibt?
Reimer: Mit einer Zeile ist es schwierig. Ich kann auch nicht mit einer
Textzeile mein Leben beschreiben. Die Platte insgesamt ist es, was zeigt
wie wir fühlen. Der Sound ist rauer und knallt ein bisschen mehr.
Sie ist kritischer und politischer.
GETADDICTED: Die Special-Edition-Bewerbung von „Sylt“ kommt
auf eurer Internetseite sehr ironisch daher.
Reimer: Wenn man sieht, was jetzt alles so veröffentlicht wird
und dass es nicht mehr möglich ist, einfach nur Musik zu veröffentlichen.
Das ist grotesk. Zumal umso teuerer die CD am Ende ist, umso besser
ist es für die Charts. Totaler Quatsch.
GETADDICTED: Nach drei regulären Alben ist es ja dann im nächsten
Jahr auch Zeit für ein Live-Album.
Reimer: Weiß ich nicht. Ich glaube, dass ein Live-Album von uns
gar nicht so spannend wäre, weil wir musikalisch das umsetzen,
was man auf CD hat. Wir machen nicht plötzlich live aus einem Stück
eine 20-Minuten-Nummer und sind in solchen Sachen eher unoriginell.
GETADDICTED: Vom „Soundtrack für mein Leben“ bis zu
„dem Besten aus Deutschland seit den Fehlfarben“…Euer
Verhältnis zu Myspace-Gästebuch-Lobhudeleien?
Reimer: Ich bin gar nich so ein Myspacer. Das liegt vielleicht auch
am Alter. Ich habe weder eine Seite, noch gucke ich auf unsere Seite.
Aber über Lob freut man sich natürlich.
GETADDICTED: Wer pflegt denn eure Myspace-Seite?
Reimer: Das macht unser Tourmanager Reiner Ott. Zumindest beantworte
ich noch immer die info@kettcar.net-Emails. Nur ist die Adresse derzeit
nicht auf unserer Webseite angezeigt. Dementsprechend bekomme ich auch
wenig Mails.
GETADDICTED: Du hast dein Alter angesprochen. Wie alt ist denn wohl
der Durschnitts-Kettcar-Hörer?
Reimer: Das ist schwierig zu beantworten. Auf den Konzerten sieht man
es meistens, wobei in den ersten Reihen eher jüngere Leute stehen.
Durch die Ränge hin wird das immer älter.
GETADDICTED: Oder bleiben gleich zu Hause
Reimer: Oder so. Ich glaube aber, dass unser Durchschnittshörer
etwa 25 ist, vielleicht ein bisschen jünger.
GETADDICTED: Und welches Geschlecht?
Reimer: Eigentlich immer männlich, aber langsam kippt das so ein
bisschen. Warum auch immer, keine Ahnung. Wir sind schon eher eine Jungs-Gruppe,
was über die Texte logisch ist, weil dort aus männlicher Sicht
Gefühle und Meinungen beschrieben werden. Da sind dann Männer
vielleicht auch empfänglicher für.
GETADDICTED: Eben vor dem Eingang sah das ein bisschen anders aus. Die
waren auch nicht 25.
Reimer: Ist das so? Ich sag ja, so langsam kippt das. Das hängt
tatsächlich gar nicht mehr mit der Musik zusammen, oder dem Aussehen.
Denn wir sind ja keine Boy-Group oder sehen aus wie Sasha. Ich kann
es eher damit erklären, dass es erfolgreich ist. Dass die, die
zu Tokio Hotel gehen, plötzlich auch zu uns kommen und das mit
Platz 5 zusammenhängt.
GETADDICTED: Mal oberflächlich, mal unterschwellig taucht in den
Texten das Thema „Glaube“ auf. Welche Rolle spielt das Für
&Wider im alltäglichen Gedankenkosmos?
Reimer: Mit Glaube selber haben wir eigentlich nichts am Hut. Das Phänomen
ist für uns interessant. So wie bei „Hauptsache glauben“.
Wenn jemand nicht mehr weiter weiß. Hauptsache, ich finde etwas,
woran ich glaube und festhalte. Das ist dann auch ein immer wiederkehrendes
Motiv. Darüber denke ich immer wieder nach, wieso Leute, wenn sie
die Hoffnung verlieren, sich etwas suchen, woran sie sich klammern können.
Das ist aber vielleicht auch menschlich und logisch. Als Phänomen
finde ich es erstaunlich.
Unsere Texte erzählen eher aus der Sicht eines Beobachters. Wir
haben längst damit abgeschlossen, Parolen oder einen festen Entwurf
für das Leben zu bieten. But Alive hat es viel mehr gemacht. Bestimmter
und direkter. Aus dieser Direktheit wollten wir auch raus.
"IRGENDWANN IST MIT RUMKASPERN ABER AUCH VORBEI"
GETADDICTED: Apropos Graceland … Elvis starb mit einem
Burger auf dem Klo. Wie stellt ihr euch euer eigenes Rockstarableben
vor?
Reimer: Ich glaube eher still. Auf jeden Fall nicht auf der Bühne.
Es gibt ja Beispiele, wo der Mann im Fußballstadion stirbt und
die Frau dann sagt, das sei das Beste für ihn gewesen. Also ich
möchte nicht auf der Bühne sterben, es sei denn, mich schießt
da einer runter. Das passt aber wohl mehr in den Hip-Hop. Ich fühle
mich auch nicht wie ein Rockstar.
GETADDICTED: Und wie ist dann das Gefühl, wenn man sich zum zweiten
Mal auf Titelblättern von Magazinen sieht?
Reimer: Gut! Das spielt wohl auf das Visions-Titelblatt an, wo wir in
diesen Regenmänteln dastehen. Wir würden am liebsten dahin
kommen wie wir sind und uns einfach knipsen lassen. Die wollen natürlich
etwas Besonderes und Spektakuläres. Das ist gar nicht unser Ding!
GETADDICTED: Gilt das auch für den ZDF-Beitrag zu eurem Hamburg-„Konzert-Marathon“?
Reimer: Der ist auf dem Spielbudenplatz gedreht worden. Wir verstehen,
dass die für ihren Bericht Bewegung brauchen, aber irgendwann ist
mit Rumkaspern auch vorbei. Da gibt es Grenzen. Ich setzte mir keine
rote Nase auf und auch keinen lustigen Hut. Da gibt es schon mal Reibereien.
GETADDICTED: Betreff: „In Würde zu sterben“ –
Wie lange geht´s noch mit der Band, bis es peinlich wird?
Reimer: Darüber habe ich mir tatsächlich schon öfter
Gedanken gemacht. Ich glaube, solange wir uns wohlfühlen, mit dem,
was wir machen und auf der Bühne wohlfühlen. Ich fühle
mich noch nicht so alt, als dass ich sagen würde, ich habe da nichts
mehr zu suchen.
Ich weiß aber auch nicht: Ist es würdelos, was die Rolling
Stones machen? Ist das albern? Einige sehen das so. Aber wenn Mick Jagger
sich in seiner Rolle wohlfühlt, soll er sie ausleben. Ein großes
Vorbild für mich ist Element Of Crime. Immer weiter und weiter.
Die haben jetzt großen Erfolg gehabt mit der letzten Platte und
zum ersten Mal 100.000 verkauft. Aber es ist dadurch trotzdem keine
Band, die sich verstellt hat, oder anders geworden ist. Das ist für
mich tatsächlich ein Vorbild, wie sie es schaffen, nicht langweilig
und sich selbst untreu zu werden. Das finde ich ganz schön würdevoll.
GETADDICTED: Gab es konkrete Anlässe, wo du ans aufhören gedacht
hast?
Reimer: Ich mein, ich habe mein Studium geschmissen, weil das mit der
Band zu viel wurde, weil das Label zu groß wurde. Da habe ich
lange gehadert, ob das richtig ist. Ich bin im 14. oder 16. Semester,
brauche nur noch acht Scheine und jetzt soll ich alles hinschmeißen?
Was ist, wenn mit der Band Schluss ist und ich nicht mehr mit 50 auf
der Bühne stehen will? Diese Gedanken macht man sich ab und zu.
Einen konkreten Anlass – außer in der einen Sache, wo ich
mich konkret entscheiden musste – gibt es sonst nicht. Zukunftsängste
kommen immer mal wieder. Was ist in 20 Jahren? Gibt es die Band noch?
Was mache ich dann überhaupt?
GETADDICTED: Könnte es für dich nach Kettcar noch eine andere
Band geben?
Reimer: Weiß ich nicht. Zur Zeit könnte ich mir das überhaupt
nicht vorstellen.
DAS ENDE DER JUNGFRÄULICHKEIT
GETADDICTED: Ihr habt Anfang des Jahres zusammen mit der Firma Kettler
das Design für ein Kettcar-Modell speziell für Erwachsene
entworfen, das im Juli auf den Markt kommt. Welche Tuning-Komponenten
sind auf eurem Mist gewachsen?
Reimer: Der Bierdosenhalter! Hast du dir wahrscheinlich schon gedacht.
Tuning ist gar nicht so unser, aber es gibt für ältere Menschen
eine Perlenkette über den Sitz, damit man nicht so schwitzt und
Fell über das Lenkrad. Dann noch eine weiche Pneumatik-Federung
und eine Antenne mit Fuchsschwanz. So ein bisschen Retro.
GETADDICTED: Schätzfrage: Wie viele Personen haben wohl mitten
im Ende ihrer Jungfräulichkeit eure Songs gehört?
Reimer: Oh Gott! …Fakt ist tatsächlich, dass man manchmal
solche Mails kriegt, wo Leute einem das erzählen und man will es
gar nicht wissen. Es ist so schrecklich. Mit Kennenlernen und wie es
so weitergeht. Da breiten manche einem schon richtig ihr Leben aus.
Schwierige Frage…Meint ihr mehr als zehn? Ich kann das überhaupt
nicht einschätzen. Man muss da mal logisch rangehen. Wir haben
mit der ersten Platte 50.000 verkauft, mit der zweiten 70.000. Gehen
wir mal davon aus, dass die, die das erste Album gekauft haben, auch
das zweite gekauft haben. Also 70.000, die im Besitz des Albums sind.
Dann kommen noch ein paar Downloads dazu, dann sind wir bei 75.000 plus
Gebrannte, also 100.000. Von denen sind vielleicht – unserer Hörer
sind ja auch nicht mehr so die Jüngsten – höchstens
20.000 Jungfrauen. Davon sind einige vielleicht auch immer noch Jungfrau,
weil sie allein und einsam sind. Von denen höchstens 150…Ich
hätte gerne die Lösung.
- Interview mit Kettcar 2008
- Kettcar live in Essen // 02.05.2008
- Kettcar . Sylt
- Galerie: Kettcar live in Bielefeld 2008
- Kettcar . Von Spatzen und Tauben ...
- Interview mit Kettcar 2005
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