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TALKING ABOUT MY GENERATION
Parkway Drive, Bury Your Dead, Suicide Silence, This Is Hell in Köln // 09.05.2008
“Nee, du bleibst draußen”, höre ich den Türsteher vom weiten sagen. Der Muskelmann, hat alle Hände voll zu tun. Seine Rivalin ist klein, brünett, gerade mal 16 Jahre alt, aber verdammt hartnäckig. Sie torkelt immer wieder am Eisengitter des Eingangs vorbei und versucht penetrant ihr Glück. „Ich war doch schon drin. Warum darf ich denn jetzt nicht mehr?“, fragt die Kleine jetzt jammernd. Der Türsteher schubst sie immer wieder hinter die Abgrenzung und dementiert lauthals und mit viel autoritären Bass in seiner Stimme: „Verdammt nochmal, du kommst hier nicht mehr rein. Du hast gerade vor die Tür gekotzt!“ Uns erwartet ein Konzert der neuen Generation Aufmüpfiger.
Der Biergarten ist voll mit Leuten, die noch Karten für die Abendshow
bekommen haben. Aus dem Inneren des Undergrounds ist es laut. Schnell
rein. This Is Hell geben auf der Bühne schon ihr Bestes. Ihre geschonten
Kräfte wirken auf das Publikum ein wie Peitschenschläge. This
Is Hell waren mittags nicht aufgetreten und verlangten jetzt umso mehr
Einsatz von ihrem Publikum. Vor der Bühne knubbelt es sich, aber
voll ist es bei der Band aus Long Island trotz allem nicht. Viele Besucher
lassen es langsam angehen und zischen sich gemütlich ein Bierchen.
Andreas, der hinter der Theke steht, schaut sich das Schauspiel heute
zum zweiten Mal aus gebührendem Abstand an. „So ein Doppelkonzert
lohnt sich immer. Viel Bier ist heute aber trotzdem nicht geflossen.“
Er weiß auch den Grund dafür. „Die jungen Konzertbesucher
gehen zum Merch, kaufen sich von dem bisschen Geld, das sie haben, ein
T-Shirt ihrer Lieblingsband und füllen ihre Gläser auf dem
Klo immer wieder mit Wasser auf“, sagt er und zuckt dabei mit
den Schultern. Er könnte gar nicht so Unrecht haben. Heute ist
ein Konzert der neuen Generation. Die alten Tricks, die schon von unserer
Generation vor zehn Jahren Verwendung fanden, kennen auch sie.
Bei Suicide Silence wird die kleine Halle voller. Auf der Bühne
stehen ein tätowierter Frodo und eine verkleinerte Gruppierung
der sieben haarigen Zwerge. Das ist keineswegs böse gemeint, ganz
im Gegenteil. Die Äußerlichkeiten der Band aus Riverside
California haben einen rein pragmatischen Hintergrund. Die langen Haare
der Gitarristen Mark und Chris und des Bassist Mike dienen dazu, die
Zuschauern zum Bangen zu animieren. Manch einer wünscht sich bei
dem Anblick selbst lange Haare. Die schmächtige Figur des Sängers
führt zu einer absoluten Fehleinschätzung seines Könnens
und zu heruntergeklappten Kinnladen bei seinen ersten tiefen Growls.
Das sind Suicide Silence! Ich fühle mich wie von Ohrfeigen mit
Lederhanschuh zurechtgewiesen und wachgeschlagen. Über das Publikum
fegt ein Death Metal-Sturm hinweg und fordert seinen Nackenschmerzen-Tribut.
Bei dem neuen Song „The Price Of Beauty“ will Sänger
Mitch noch mehr Einsatz. „Bang your fucking heads“, sagt
er und die Bandköpfe fangen an zu rotieren. Leider ist der Sound
viel zu dumpf. Die Gitarren gehen vollkommen unter. Die Stimmung des
Publikums lässt sich dadurch jedoch nicht beeinflussen. Nach dem
Auftritt boomt der Merchandise von Suicide Silence.
Dort stehe ich neben zwei Jungs, die gerade ihre neuen, weißen
Shirts übergezogen haben. Sie werden ihren Eltern wohl erklären
müssen, was dieser undeutliche Schriftzug denn heißt. Für
Robin, 17, aus Mülheim an der Ruhr, ist es das erste Konzert, das
in diese Musikrichtung geht. Er ist wegen Parkway Drive hier. Wie lange
er diese Musik schon hört, möchte ich von ihm wissen. „So
härtere Musik wie Parkway Drive und Suicide Silence höre ich
erst seit einem Jahr, durch Yannick.“ Yannick, auch 17 und aus
Mülheim, trägt eine Cappy und Jogginghosen. „Was sagen
denn deine Eltern dazu, dass du auf solche Konzerte gehst?“, frage
ich ihn. „Meine Mutter hat nur gesagt, ich soll heil nach Hause
kommen. Auf dem letzten Konzert hab ich mir meinen Kiefer gebrochen“,
antwortet er und reibt sich dabei das Kinn. Diese sympathischen, renitenten
Naseweiße sind also die neue Generation der Hardcoreszene. Die
Parallelen zu unserer Blütezeit sind unschwer zu erkennen. Auch
Yannick, der seine Eltern als „Spießer“ bezeichnet,
will anders sein und ist es auch. Die beiden verschwinden in der Menge
und fallen darin auch als 17-Jährige gar nicht mehr auf.
Bei Bury Your Dead vermischen sich ihre weißen Suicide Silence-Shirts
mit den anderen. Die Halle ist bei dem Auftritt der Bostoner so voll,
dass Menschen wie ich es bin, klein, kraftlos und allem Anschein nach
alt, besser in Deckung gehen. Mir bietet Christoph, 27, aus Wuppertal
einen Platz auf einer kleinen Erhöhung am Rand der Halle an. Ein
bisschen blass sieht er aus. „Bin vor einer Woche aus dem Krankenhaus
entlassen worden. Hatte eine Darmentzündung“, sagt er und
erklärt damit seine ungesunde Hautfarbe. Es ist auch für ihn
besser hier oben zu stehen, denn Bury Your Dead, sind gerade dabei die
Bude abzureißen. Die Bandmitglieder stehen keine Sekunde still.
Die Gitarristen Slim und Eric löschen das aufgeheizte Publikum
durch Wasserfontänen aus ihren Mündern. Bei dem unbarmherzigen
Moshpit staunt Christoph nicht schlecht. Unter uns rockt sein Freund.
Er versetzt Christoph, voll freudiger Erregung durch die gerade spielende
Band, kleine Hiebe in den Bauch. „Meine Güte, ich glaub ich
muss nach dem Konzert wieder ins Krankenhaus“, sagt Christoph
ein bisschen hilflos. Sänger Myke kommt nicht mehr dazu, sich nach
dem letzten Lied beim Publikum zu bedanken. Ihm wird das Mikro völlig
überraschend aus der Hand gerissen. Christophs Freund, rennt nach
dem Auftritt los, um sich ein T-Shirt zu kaufen.
Der größte Anteil der 450 Besucher hat heute Abend auf Parkway
Drive gewartet. Obwohl Sänger Winston McCall mittags schon einmal
sein Bestes gegeben hat, gönnt er sich keine Pause. Am Abend noch
vor dem Auftritt plauderte er mit den Besuchern im Biergarten und überzeugte
durch seine sympathische Präsenz. Das Publikum dankt es ihm. Der
Laden gerät völlig aus den Fugen, als Parkway Drive das Intro
anspielen. McCall ist vollkommen überwältigt und macht seiner
Überraschung durch Aussagen wie „Holy shit, this is fucking
metal“, immer wieder Luft. Das defekte Mikro sieht er nicht als
Anlass, nicht zu schreien. Ab und an fehlt ihm die Stimme. Sie klingt
an einigen Passagen dünn. Aber dies könnte auch am Mikro liegen.
Die ersten waghalsigen Stagedives von den Boxen und von der Lichtaufhängung
lassen nicht lange auf sich warten. Die Bandmitglieder der anderen Bands
machen dabei die Anfänge. Auch die ersten Mädchen finden sich
auf der Bühne wieder. Da ist sie wieder. Die kleine Brünette,
die eigentlich nicht mehr rein durfte. Mit einem weiteren Mädchen
stehen sie ein bisschen wackelig auf den Beinen auf der Bühne.
„Möchtet ihr einen Kuss?“, fragt sie der Sänger.
Die Jungs aus Australien grinsen breit. „Nein, wir wollen Stagediven“,
antworten sie. Aus dem hinteren Bereich der Halle erklingen Buhrufe
und bitterböse, feindselige Bezeichnungen. Der Aufenthalt der Mädchen
auf der Bühne findet bei den ersten Klängen von „Guns
For Show, Knifes For A Pro“ sein abruptes Ende. Die Texte der
Lieder „Carrion“ und „Mutiny“ werden lauthals
mitgesungen. Die Stimmung des Publikums versetzt den Sänger in
kopfschüttelndes Erstaunen. Er scheint über den Andrang und
die Stimmung im Underground sehr überrascht zu sein. Noch überraschender
ist aber, dass jemand aus dem Publikum seine Hochzeitsparty auf dem
Konzert feiert. Das ist ein passender Abschluss mit der Zugabe „Romance
Is Dead“.
Robin und Yannick sehen zufrieden aus und auch Christophs Gesicht ist
nach dem Auftritt von Parkway Drive nicht mehr so fahl. Heute scheinen
tatsächlich alle - ob nun neue Generation oder alte Hasen - auf
ihre Kosten gekommen zu sein. Sehr sympathisch ist, dass Bands wie Parkway
Drive, die das Ablösen von alten Traditionen fördern, immer
noch überrascht und dankbar über ihren Bekanntheitsgrad in
Deutschland sind.
- Parkway Drive in Köln 2008
- Galerie: Parkway Drive in Köln 2008
- Interview mit Parkway Drive 2007
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- Parkway Drive live in der Matrix, Bochum // 2. März 2007
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