ROCKEN UND RAVEN 2.0

 

Phoneheads mit den Düsseldorfer Symphonikern (DÜSYS), Tonhalle Düsseldorf // 19. Februar 2008

 

And now for something completely different … Das schickste Ei von Düsseldorf, die bekuppelte Tonhalle, lud zum zweiten Mal zur Fusion aus Drum & Bass und Klassik – und GETADDICTED.ORG durfte ganz im Motto von 2008, „Rocken und raven“, mitmachen bzw. etwas Neues ausprobieren.

 

Vor der Tonhalle hat sich eine bunte Mischung aus (Düsseldorfer) Schickeria, beschalten Tonhallenstammgästen und gespannten Trommelbassfreunden zum Rauchen versammelt, so sieht es zumindest aus, bevor die Fanfare im Foyer zum wiederholten Mal zum Platznehmen ruft. Neben uns erklärt man sich erstaunt, dass „Düsseldorf so ein alternatives Publikum hat“, nun ja, wir sind ja auch aus dem Pott und bringen das Proletariat gleich mit.

Dann geht es hinein ins Ei: Treppe hoch, Block F, klar, Jacken bitte abgeben, fix wieder runter zur Garderobe, wieder hoch und rein in die ausverkaufte Halle und in den weichen Sitz. Wir schauen uns um: Auch hier wird deutlich, wie gemischt das Publikum ist, dort beeindruckende Hochsteckfrisuren und schickstes Geglitzer im Ohr, auf meinem und anderen Köpfe die Kappe mit Schirm im Wind. Und: Erstaunlich hell ist es hier, gar keine Lightshow, haha ...

Das klassische Orchester bezieht Stellung, die Bögen der Streich¬instrumente werden gespannt, die Komponistin und Dirigentin Heike Beckmann erobert ihr Podest und erst jetzt schlendern ganz lässig die „digitalen Counterparts“ der analogen Instrumentalisten in den Saal. Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter, auch bekannt als Phoneheads, Kante-Schlagzeuger Sebastian Vogel, Keyboarder Volker Bertelmann aka Hauschka, Bassist Frank Schwiklewski und schließlich der Londoner Sänger Cleveland Watkiss, der später für Tracks wie „Roll That Stone“ zum Mikrophon greift.

Das Orchester eröffnet und nach und nach schleichen sich die ersten Klicks und gebrochenen Beats aus der elektronischen Fraktion in den Gesamtsound. Schnell wird klar, verdammt, es funktioniert, es klingt gut, es macht Spaß, es groovt. Auch wenn das gesamte Konzert über die mächtigen Klänge der klassischen Musik(er) ein wenig überwiegen und den Drum & Bass-Anteil in den Hintergrund drängen, spätestens wenn Sebastian Vogel an den Drums einsetzt ist die Fusion gelungen und unsere Füße können selbst im Sitzen nicht stillstehen. Klar, es gibt einige Anlaufschwierigkeiten, denn die komplizierten digitalen Breaks und Beats live umzusetzen und dann noch mit einem rein menschlichen Orchester abzustimmen, ist keine leichte Aufgabe. Und so ist auch gerade die „digitale Front“ zu Anfang noch sehr konzentriert und angespannt. Mit der Zeit schleicht sich dann aber ein Grinsen ins Gesicht aller Beteiligten, da wird mit dem Kopf genickt, mit dem Fuß gewippt und man wird sichtlich entspannter.

Begeisterung im Publikum kommt vor allem dann auf, wenn sich beide Seiten gegenseitig zitieren, beispielsweise beim PHONEHEADS-Track „Glam“: Orchester und Elektriker „spielen“ abwechselnd das Gleiche, allerdings eben einmal mit „echten“ Instrumenten, einmal mit Samples und elektrischem Werkzeug. Nach etwa der Hälfte des Konzerts kündigt Heike Beckmann ein weiteres „Experiment im Experiment“ an. Denn nachdem bisher nur Phoneheads-Tracks die Vorlage für das Orchester waren, wird der Spieß jetzt quasi umgedreht. Extra für diesen Abend hat die Komponisten eine kleine „Symphonie“ geschrieben, die den Weg andersherum beschreitet, d.h. die Idee kommt aus der klassischen Musik, die PHONEHEADS greifen sie auf und spinnen sie weiter. Auch das ist spannend und weiß durchaus zu begeistern, obwohl auch hier eben die klassischen Elemente ein wenig überwiegen.

Der Applaus am Ende ist lang, das Experiment ist zum zweiten Mal gelungen und der Abend war ein echtes Erlebnis. Allerdings bleibt noch eine Menge Spielraum, die Fusion aus Klassik und Drum & Bass weiterzuführen, was die Sache natürlich nur noch spannender macht. Unser Rock war dieses Mal klassisch, der Rave war der gebrochene Beat. Mal schauen, was als nächstes kommt ...

 

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Verfasser: Ingo Karkhof
Foto: Presse