"DA WIRDS'S AUCH SCHON MAL HANDGREIFLICH"

 

Interview mit Tim von Rise Against in der Zeche Carl, Essen, 18. Mai 2005

 

Mit seinen langen Haaren, irgendeinem ausgewaschenen T-Shirt und auf einer Aktusikgitarre klimpernd entzieht sich Rise Against-Sänger Tim allen gängigen Klischees. Freundlich bietet er mir sofort etwas zu trinken und eine Banane vom Büffet an, bevor wir mit dem Interview loslegen.

getaddicted: Vorweg kurz eine Frage. Euer Tourmanager wurde letztens verhaftet. Wann, wo und wieso?
Tim: In Den Bosch, weil er einem Typen eine geklatscht hat, der ihn „Arschloch“ genannt hat. Wie es dazu kam, weiß ich auch nicht.
getaddicted: Und dann?
Tim: Dann sind die Cops gekommen, haben ihn mit auf die Polizeiwache genommen und er musste seine Personalien da lassen. Nichts wildes, er musste nichtmal eine Strafe bezahlen. Keine große Geschichte, nur dass wir zwei Stunden auf ihn warten mussten, was uns natürlich gestunken hat (lacht).

getaddicted: Okay, ich werde dir jetzt immer eine Textzeile aus einem Lied sagen und du erzählst, was dir spontan dazu einfällt.

„I have an American Dream but it involves black masks and gasoline“ (“Black Masks and Gasoline”, Rise Against)

Tim: Das kenn ich! Diese Zeile meint den Glauben daran, was Amerika sein könnte und es ursprünglich mal war, aber nicht wie es sich heute zeigt. Die Frage ist, wie man das ändern kann, weil es so frustrierend ist, wie das System heute funktioniert. Der Satz meint, dass man einfach alles niederreißen und komplett neu anfangen sollte. Diese Zeile steht als Metapher für diesen Neuanfang.

„From the force to the union shop, the war economy is making new jobs“ (“Let them eat War”, Bad Religion)

Tim: Ich bin nicht sicher. Ist das Propagandhi? Oder Good Riddance?
getaddicted: Kleiner Tip, du hast bei diesem Song bei der Band in San Francisco mal selber auf der Bühne gesungen.
Tim: Oh ja, das ist Bad Religion, ich habe aber eine andere Strophe gesungen (sprachs, und singt sofort die ganze Strophe laut). Das ist ein großartiger Kommentar, was Krieg ist und wozu die Bush-Administration den Krieg benutzt. Es wird ja immer so dargestellt, dass der Krieg die Wirtschaft ankurbelt und überleg mal, wie oft Präsidenten als „große Präsidenten“ dargestellt werden, weil sie irgendwelche Kriege geführt haben. Und deshalb denkt die Öffentlichkeit ja auch oft, dass Krieg eine gute Sache ist.
getaddicted: Man könnte ja jetzt einwenden, dass der Krieg Arbeitsplätze schafft.
Tim: Natürlich bringt es Teilen der Wirtschaft etwas, aber was ist der Preis dafür? Hunderttausende tote, unschuldige Iraker und Afghanen. Menschen, die gar nichts mit dem Krieg zu tun haben, die gar keine Schuld an irgendetwas tragen und jetzt unter den amerikanischen Bombardements leiden. Die Schuldigen sind Osama bin Laden und nicht einmal Saddam Hussein. Aber diese Menschen leben einfach nur in den jeweiligen Ländern. Und „Let them eat war“ meint einfach, dass man das ganze Geld, was da verpulvert wird, lieber in andere Sachen stecken sollte. Es gibt Obdachlosigkeit, Armut, das Schulsystem kann verbessert werden, es gibt so viele Menschen, denen es schlecht geht. Und was sollen diese Menschen machen? Sollen sie den „Krieg essen“?
getaddicted: Ihr habt ja auch einen Counter auf Eurer Internetseite, wo die Kriegskosten ständig höher steigen.
Tim: Der meint im Grunde genau das! Wenn man diese Riesenzahl sieht, die immer weiter ansteigt, das ist erschreckend anzusehen. Es gibt so viele Probleme auf der Welt und in den USA, und wir stecken die Kohle in den Krieg. Sehr cooles Statement dieser Song.
getaddicted: War es für dich eine Art Traum, mit Bad Religion auf der Bühne zu stehen.
Tim: Absolut! Bad Religion hat uns den Weg bereitet, ohne Bad Religion gäbe es Bands wie uns wahrscheinlich gar nicht. Es ist dann natürlich eine Ehre, mit denen auf Tour zu gehen. Sie sind einfach eine großartige Band – politisch, menschlich und musikalisch! Für uns eine Rieseninspiration!
getaddicted: Musikalische Inspiration, obwohl ihnen ja häufig vorgeworfen wird, dass sie sich seit Jahren nur noch reproduzieren?
Tim: Ich denke, mit jeder einzelnen Platte haben sie was Besonderes geschaffen. Die füllen heute immer noch die Clubs, was ja auch zeigt, dass die Leute sie auch immer noch mögen. Sie haben es als eine der wenigen Bands geschafft, ständig im Radio zu laufen und sind dabei trotzdem immer ehrlich geblieben – zu sich selber und zu einer harten, schnellen Form von Punkrock. So etwas ist heute sehr rar geworden. Vor zehn Jahren hast du davon Hunderte Bands gefunden, die so eine Musik gemacht haben. Aber heute? Heute machen die Leute Emo, Metal oder so was. Nur Bands wie Bad Religion oder Pennywise sind immer noch da und machen schnellen, harten Punkrock. Ich bin jetzt 26 und habe auch irgendwann mit diesen Bands angefangen. Und jedes Jahr werden Kids 15 oder 16 und fangen an, Punkrock zu hören. Und für solche Kids sind die Bands immer noch da.


„Are we talking about a revolution or a silent insurrection“ (“Past Soul”, Red Lights Flash)

Tim: (summt die richtige Melodie) Das ist jetzt aber…nein…ich hab’s gleich. (und noch mal) Strike anywhere? Refused? Verdammt!
getaddicted: Hast du gestern noch gehört!
Tim starrt mich fragend an
getaddicted: Vorgestern auch. Und wirst du heute auch hören!
Tim: Klar, das ist Red Lights Flash! Es ist cool, mit ihnen auf Tour zu sein. Wir machen ja schon lange Musik und es ist immer eine große Chance, den Abend für größere Bands zu eröffnen und wenn es auch nur in deiner Heimatstadt ist. Es ist immer gut, vor Leuten zu spielen, die dich sonst gar nicht kennen würden. Amerikanische Bands kommen oft hier rüber und bringen nur amerikanische Bands mit. Aber ich denke, es ist auch großartig, wenn man der heimischen Szene helfen kann. Es gibt nicht nur in Amerika guten Punkrock, auch in Europa und eben auch in Österreich.
getaddicted: Hast du selber gesehen, wie Christoph sich seine Knieverletzung eingefangen hat?
Tim: Ja, das war richtig böse. Aber er ist der Held der Tour! Er hätte einfach nach Hause fahren können. Aber er macht tapfer weiter. Er sitzt dann auf einem Stuhl auf der Bühne und spielt. Er ärgert sich auch total, dass er nicht rumspringen kann. Aber er bleibt hier mit seinen Jungs. Das finde ich großartig und er nimmt es auch so positiv wie möglich.

„When I got the music, I got a place to go“ (“Radio”, Rancid)

Tim: Great! Operati…Rancid! Als das Album rauskam, war ich gerade frisch auf der High School. Ich liebe diese Platte. Rancid haben da auch in Chicago gespielt, da waren sie ja auch noch recht unbekannt am Anfang. Da waren vielleicht 50-60 Leute auf dem Konzert und Tim kam nachher halt einfach raus und hat noch ein Bier mit den Fans getrunken.

„I don’t want to be like other adults because they’ve already died” (“When I get old”, Descendents)

Tim: Kenne ich nicht. Keine Ahnung.
getaddicted: „When I get old“ von den Descendents.
Tim: Ach, das ist diese Single, auf der diese Milo-Figur auf einem Rollstuhl sitzt, der einen Feuerschweif hinter sich herzieht. Das Coverbild davon kenne ich nur. „When I get old“, gute Frage. Ehrlich gesagt, schaue ich nur fünf Jahre nach vorne. Was dann kommt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Natürlich würde ich dann immer noch gerne Musik machen. Aber ich schätze, das wird dann in einigen Jahren das Privileg von Bad Religion und Pennywise sein, weil ich mir nur bei solchen Bands vorstellen kann, dass die Leute sich in 20 Jahren immer noch mal ein Konzert von denen ansehen würden. Wenn das bei uns auch noch der Fall sein sollte, umso besser.


„You don’t want to support our scene, why don’t you stay the fuck away from me“ ("United Blood", Agnostic Front)

Tim: Irgendwas altes. Hardcore. Hmm, frühe Sick of it All?
getaddicted: Die Stadt ist schonmal richtig.
Tim: Keine Ahnung.
getaddicted: Agnostic Front, United Blood.
Tim: Ah, war ja eigentlich dann klar (lacht). Ich denke schon irgendwie, dass es wichtig ist, so ein bisschen zu kategorisieren, zu welcher Szene man gehört. Auf der anderen Seite denke ich, dass das alles irgendwie aus dieser Punkrock/Hardcore-Szene kommt. Für mich ist das alles das gleiche. Heute gehen Metal-Bands mit Punkrockern auf Tour, die Grenzen sind da so verschwommen. Man findet ja auch kaum Leute, die nur Hardcore hören. Die Leute hören doch meistens viel unterschiedliche Musik. Wie viele Kids hören Refused, aber auch Dashboard Confessional. Oder New Found Glory und Bands wie Killswitch Engage. Auf der anderen Seite ist es aber auch wieder cool, weil es eine Art Zugehörigkeitsgefühl vermittelt.
getaddicted: Kann man diesen Satz aber nicht auch auf eine Stufe stellen mit einer Aussage wie: „Entweder du gehörst zu uns oder du bist gegen uns“ oder, um deutlicher zu werden: „Du stehst auf unserer Seite oder auf der Seite der Terroristen“.
Tim: Ich würde sagen, dass es ein Riesenunterschied ist, wenn Roger Miret darüber schreibt, dass es damals in New York gewisse Probleme mit anderen „Szenen“ gab, dass es da auch Schlägereien gab, als wenn man sagt: „Du stehst auf unserer Seite oder du hasst uns und bist ein Terrorist“. Das ist doch totaler Bullshit. Sowas kindisches, diese Aussage. Das ist doch nur ein Weg von Kriegsbefürwortern, den Kriegsgegnern Schuldgefühle zu bereiten. „Wenn du gegen den Krieg bist, dann hasst du meinen Bruder, der im Irak kämpft. Du hasst ihn, ihn persönlich“. Das ist doch total behämmert. Das ist Kindergarten.

„When it came down to throw bricks through that starbucks window you left me all alone“ (“Baby, I’m an Anarchist“, Against Me)

Tim: Das ist Against Me! Ich finde es gut, wenn Bands ganz klar sagen, wofür sie stehen, auch wenn es gerade im Fall von Against Me mit Sicherheit sehr radikale Positionen sind. Wir sagen ja auch in unseren Songs klar unsere Meinung und verstecken nichts.
getaddicted: Wie war es, mit denen auf Tour? Gibt’s da auch Diskussionen um Politik oder andere Themen?
Tim: Klar! Gerade wenn man mit Bands wie Against Me und Anti Flag auf Tour ist. Wir beschäftigen uns zwar nicht nur mit Politik und Gesellschaftskritik in unseren Songs, aber eben auch viel. Wir haben auch im Gegensatz zu den beiden etwa einen ganz anderen Zugang zu Politik. Da wird dann zwischendurch auch schon heftig diskutiert. Aber das ist ja auch in Ordnung so.
getaddicted: Wie weit gehen solche Diskussionen dann?
Tim: Weit! (lacht) Da wird’s auch schon mal handgreiflich! Natürlich schlagen wir uns nicht die Köpfe ein dabei! Aber nimm zum Beispiel die Jungs von Against Me: Die ziehen ihr Anarchisten-Ding knallhart durch. Versteh mich nicht falsch! Die sind lustig, es macht Spaß mit ihnen zu touren, aber was das angeht, sind die knallhart! (lacht)

 

Interview: Jens Becker