BATIKSHIRTS STATT HEMD UND KRAWATTE

 

Große Stiländerung bei The Robocop Kraus? Interview am 11. August 2007

 

Ein wenig verloren geistert eine einsame Seele durch den Backstagebereich des Oberhausener Olgas-Rock-Festival. „Kann ich dir irgendwie helfen“, frage ich höflich und überlege dabei die ganze Zeit, woher ich das Gesicht kenne… „Ich suche meine Band.“ - „Ah o.k., ich warte auch auf eine Band.“ Damit ist in dem Moment keinem geholfen. Erst knapp eine Stunde später stellt sich heraus, dass wir beide die gleichen Protagonisten suchten. Denn die „einsame Seele“ war Peter, seines Zeichen neuer Bassist im Hause The Robocop Kraus. Mir allerdings bis dato nur als Mitstreiter bei One Man And His Droid und Pale bekannt. Wie auch immer, ein Dutzend Anrufe, einen Konzertauftritt und einen verschütteten Fantabecher später sitze ich mit Peter und Matthias im Tourbus und hab da mal ein paar Fragen zu einem blutenden Pullover, Hemden in der Hose und Strafzettel.

 

GETADDICTED: Knüpft ihr den Begriff „zu Hause“ an einen Ort?
Peter: Das ist witzig, dass du das sagst, weil ich gerade viel darüber nachdenke. Denn ich bin ja neu eingestiegen in die Band und seitdem hat der Begriff auf jeden Fall eine neue Bedeutung für mich bekommen. Ich bin jetzt viel mehr unterwegs. Außerdem bin ich von Ostfriesland nach Hamburg gezogen. „Zu Hause“ wechselt also auch und ist nicht an einen Ort gebunden. Allerdings sollte man den Begriff auch nicht zu sehr romantisieren und sagen: Das Tourleben ist unser Zuhause. Soweit würden wir auch nicht gehen.
GETADDICTED: Wo ist das Zuhause von The Robocop Kraus?
Matthias: Wir kommen ja fast alle aus Nürnberg. Und es hat schon was mit der Stadt und Freunden zu tun. Dort wo man sich auskennt, wo man groß geworden ist.

GETADDICTED: Von welchen Musikern ist/wird die Band primär beeinflusst und das kommende Album im speziellen?
Matthias: Das war früher einfacher. Vor ein paar Jahren war man musikalisch auch noch nicht so offen, wie man es jetzt ist. Es war einfacher auf einen Nenner zu kommen, weil alle in der Band das Gleiche gehört haben. Jetzt ist das alles differenzierter. Bei dieser Platte war es schon viel experimentelleres Zeug.
Peter: Auch 90er Indie-Kram.
Matthias: Sonic Youth.
Beide: Pavement.
Peter: Wir sind noch weitere Jahrzehnte in die Vergangenheit gereist. Ich höre auch jetzt gerade wieder sehr viel Krautmusik, zum Beispiel Can. Ich mache auch noch Musik mit einer Band, die Station 17 heißt. Das ist ein Kollektiv, das fast nur aus behinderten Musikern besteht. Mit denen machen wir Krautmusik-Kram. Das hat mich in den letzten Jahren geprägt. Das ist vielleicht ein Aspekt, den ich vielleicht mit in die Band gebracht habe.

GETADDICTED: Ein Song auf „Blunders & Mistakes“ hört auf den Namen „Blood on the Pullover“…dazu zwei Fragen: Erstens, wie oft fühlt ihr euch als Band über den Tisch gezogen?
Matthias: Wenn du jetzt auf die schwierige Situation mit Lado anspielst, ist "über den Tisch gezogen" der falsche Ausdruck, da bei dieser Formulierung so etwas wie eine Absicht seitens Lado dahinter stehen würde. Sicher war die Situation für beide Seiten nicht leicht und wahrscheinlich hätte mancher Ärger zwischen Bands und Label vermieden werden können, wenn früher eine Kommunikation über die missliche Lage stattgefunden hätte.

GETADDICTED: Zweite Frage zum Songtitel, wie sieht es mit Unfällen auf der Bühne aus?
Matthias: Hans ist letztes Jahr bei einem Riesen-Festival beim auf die Bühne gehen über eine Monitorbox geflogen. Das war ein ganz toller Anblick. Früher gab es schlimmere Unfälle, als wir noch kleinere Läden gespielt haben. Tomi hauptsächlich, der dann ausgerutscht und gestürzt ist. Aber nix schlimmeres.

GETADDICTED: Es ist ein schmaler Grat zwischen Stilbewusstsein und spießigem Establishment. Wie kommt es, dass The Robocop Kraus ihre Hemden in der Hose tragen?
Matthias: Robocop Kraus tragen keine Hemden mehr. Nur Spießer tragen mittlerweile Hemden.
Peter: Was mal anders war…
Matthias: Wir sind jetzt eher so auf Batik-Shirts. Dieses Hemd/Krawatten-Ding ist schon sehr ausgestorben bei uns.
Peter: Ich halte gar nichts von verkleiden auf der Bühne.

GETADDICTED: Was ist es für ein Gefühl, wenn es am Abend eines Auftritts eine zeitliche Deadline gibt, die Vorbands weit überziehen und ihr nach einer halben Stunde den Stecker herausgezogen bekommt? So geschehen beim Sant Feliu Fest 2005.
Matthias: Mir war es eigentlich egal, denn ich wollte eh nur „Lungfish“ sehen. War nicht toll, dass es so früh aus war, aber auch nicht so das Problem.

GETADDICTED: Welche Bands sollten euch bei eurem Abschiedskonzert supporten?
Peter: Das Problem ist, dann dürfen sie eigentlich nicht noch viel besser sein als wir. Sie sollten entweder richtig beschissen oder einfach nur gute Freunde sein.
Matthias: Vielleicht Yage oder so.

GETADDICTED: Führt jemand in der Band Tourtagebuch und wenn ja, gibt es Gedankenspiele, diese der irgendwann Öffentlichkeit preiszugeben?
Beide: Nein.

GETADDICTED: Wie sieht es sonst mit Geschwindigkeitsüberschreitungen, Falschparken und anderen Vergehen gegen die jeweilige Straßenverkehrsordnung während einer langen Tour aus?
Matthias: Der Rekord war mal in England. Wir haben fünf Minuten gestanden, um auszuladen. Der Verkehrsordnungstyp hat uns direkt eine Kralle drangemacht und das ganze hat glaub ich 280 Pfund gekostet.

GETADDICTED: Was wandert derzeit literarisches durch euren Tourbus?
Matthias: Mein Buch liegt da vorne ich möchte gerne den Originaltitel sagen…(klettert über zwei Sitzreihen)…Ich lese gerade „Nürnberg – Nürnbergs Weg in die Moderne: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im 19. und 20 Jahrhundert“.
Peter: Des weiteren hat bei uns die neue „Rock Hard“ mit dem Slayer-Special im gesamten Bus die Runde gemacht.
Matthias: „Süddeutsche“ ist auch immer ganz vorne mit dabei.


GETADDICTED: Sehnt ihr euch ab und zu mal wieder nach kleinen urigen Konzerten in Jugendzentren und Proberäumen?
Peter: Ich mag das immer noch sehr gerne, da ist die Atmosphäre viel angenehmer.
Matthias: Es ist auch so, wenn wir im Ausland spielen, spielen wir nicht immer so Riesenteile. In Luxemburg haben wir letztens vor 50 Leuten gespielt, mehr haben auch nicht reingepasst.

GETADDICTED: (Schätzfrage) Wem wird dieses famose Interview wohl letztlich beim Weg auf der Karriereleiter mehr nach oben bringen? Euch oder mich?
Peter: Du wirst natürlich bei den Frauen viel besser landen, jetzt wo du mit uns Nummern ausgetauscht hast und so was.
Matthias: Für dich wird es jetzt auf jeden Fall täglich aufwärts gehen.
Peter: Du hast einen großen Schritt getan heute. Für uns ist es ein Job irgendwie…

Mit ernster Mine wird an dieser Stelle das Gespräch für beendet erklärt. Beide Parteien wissen, sie haben im Rahmen des professionellen Musikbusiness einmal mehr hervorragende Arbeit geleistet. Mission accomplished!

 

 

Interview: Michael Blatt
Fotos: Majid Moussavi, Michael Blatt