"ER WÜRDE ALLES IN BEWEGUNG SETZEN, UM LEMMY VORBEI ZU SCHICKEN"

 

Interview mit Silverstein im Undeground, Köln (9. Oktober 2005)

 

Frühzeitig am Club, kurzer Blick in den Laden - Spitalfield beim Soundcheck - dann auch schnell zu Silverstein in den Backstageraum. Irgendwie komm ich mir vor wie in der Mensa der Screamo-Uni. Vier Kerle (Gitarrist Neil ist verschollen) lümmeln sich mit Notebooks auf dem Schoß, Buffet mit Schnittchen und Obst, Bier, volle Aschenbecher … Auf die Frage, wen von denen ich jetzt durch die Mangel nehmen darf, werden vier Laptops ruckartig geschlossen und Sänger Shane meint, dass sie alle in Erzähllaune wären. Okay, dann den ganzen Haufen. Vorher konfrontier ich die Jungs mit dem getaddicted ork, reiche Edding in rot und schwarz und bitte die Jungs, das Teil doch ein bisschen zu dekorieren.

 

 

getaddicted: Nachdem der erste Versuch, in Deutschland zu spielen, aus diversen Gründen fehlgeschlagen ist, seid ihr nun endlich auch mal auf dem europäischen Festland zu sehen. Wie liefen die ersten drei Gigs (Hamburg/Berlin/Leipzig)?
Josh: So ca. 200-300 Kids würd ich sagen.
Bill: Gestern Abend war sogar ausverkauft, es könnte kaum besser laufen und wir sind völlig von den Socken!

getaddicted: Und eure ersten Eindrücke von Deutschland?
Shane: Sonniger als in Großbritannien.
Bill: Herrlich, die Kids sind sehr nett und interessiert. Es läuft hier alles recht rund und organisiert ab.
Shane: Außerdem ist es hier sauberer.

getaddicted: Ihr seid momentan mit Spitalfield unterwegs und Bayside sowie Hawthorne Heights werden für die Gigs in England zu Euch stoßen….
Josh: Richtig….
getaddicted: Wie sieht da der typische „Victory Records On Tour Tag“ aus?
Bill: Wir stehen all diesen anderen Bands sehr, sehr nah, sind alle befreundet und haben einfach eine nette Zeit miteinander.
Josh: Wir haben schon zwei mal mit Spitalfield in Amerika und Kanada getourt, und es ist toll, die Eindrücke eines neuen Landes mit Freunden aufzunehmen.
Shane: Wir waren mit Hawthorne Heights auf der Warped Tour unterwegs und auch mit Bayside haben wir schon gespielt, und wir freuen uns, sie in England aufzugabeln. Beide Bands waren noch nie da, und da werden wir die Rolle der Reiseleitung übernehmen und die Jungs herumführen.

getaddicted: Inwiefern seid ihr von SILVERchair und RammSTEIN beeinflusst und wie würden wohl Rammchair klingen?
Bill: (lachend) Beide in der Tat sind sehr große Inspirationen für uns.
Shane: Ich könnt dir sagen wie Rammpike klingt. (Ausbruch heftigen Lachens bei den anderen Bandmitgliedern)….Sorry, Insiderwitze gehören nicht in ein Interview….

getaddicted: Lasst uns über „Discovering The Waterfront“ sprechen…..Wie kamt ihr auf den Titel und was bedeutet er für Euch?
Paul: „DTW“ bedeutet für uns das Erlangen von neuen Perspektiven und dass man an einem Punkt ankommt, zurückschaut, und die Wahl hat einfach weiterzumachen, oder einfach einen neuen unsicheren Weg einzuschlagen, der einen aber vielleicht zu einem besseren Ort führt.
Es geht um Hoffnung und den Prozess des Fortbewegens. Shut Up!!(in Richtung Bill, der Bla-Bla-Bla-Grimassen zieht)
Bill: Die Wahrheit muss ausgesprochen werden!!!!! Vor etwa fünf Jahren hatten wir eine Website auf der stand: Silverstein – Discovering The Waterfront…einfach eine Idee, aber wir wussten nicht so richtig was damit anzufangen...dann haben wir einen Song so genannt und es schien uns allen perfekt als gleichzeitiger Albumtitel.

getaddicted: Ich dachte, ich krieg nur einen von Euch vors Mikro, aber da ihr jetzt alle hier seid…Habt Ihr Lieblingssongs auf dem Album? Irgendwelche persönlichen Vorlieben aus welchem Grund auch immer?
Bill: Ich mag „Defend You“….Punk! I Like Punk! Und “Call It Karma”, der letzte Song auf dem Album. Großartiges Stück!
Paul: Ich denke, mit diesem Album sind wir insgesamt sehr glücklich, und können uns an jedem Kleinteil erfreuen und sind sehr stolz, wie jede Performance auf dem Album klingt
Shane: Das Album funktioniert als ein Ganzes funktioniert, aber gleichzeitig haben wir abwechslungsreiche Songs, wobei jeder für sich alleine stehen kann, was mir sehr viel bedeutet.

getaddicted: Was war der ausschlaggebende Punkt, "Smile In Your Sleep" als Single des Albums zu nehmen?
Bill: Wir dachten, am besten wäre ein Song, der alle Facetten von Silverstein vereint. Wir wollen, dass unsere Musik ganz unterschiedliche Leute erreicht, und haben deshalb nicht einen ganz poppigen Song oder den härtesten Track genommen. Quasi ein Silverstein-Querschnitt.

getaddicted: Basiert „MyHeroine“ auf einer tatsächlichen Begebenheit oder ist es Fiktion?
Shane: Nun, handelt nicht von Drogen!!! Um genau zu sein, saß ich im Zug von London nach Paris und..äähhh…ich war betrunken, hatte nichts zu tun und aus irgendeinem Grund entschied ich mich zu texten und kam auf die doppelte Bedeutung von „Heroine“(Droge/Heldin) und fing an zu schreiben. Ich hab immer noch das betrunkene Gekritzel zuhause. Es geht darin nicht wirklich um etwas, was ich persönlich erlebt habe, aber ich hatte einen guten Freund, der eine sehr schwere Zeit hatte, weil er nicht über ein Mädchen hinwegkam. Mir gefällt der Widerspruch zwischen den harten aggressiven Worten und dem hochlobenden Titel.

getaddicted: In welchem Ausmaß hat Cameron Webb (Produzent) Einfluss darauf gehabt, wie „Discovering The Waterfront“ letztendlich klingt?
Josh: Meiner Meinung nach hat es viel mit ihm zu tun. Er verstand; was uns selbst vorschwebte, und war in der Lage, das auf digitale Spuren zu bringen.
Bill: Cameron hat diese positive Einstellung; mit der er uns dazu brachte, unser Bestes zu geben. Was mir sehr gefiel; war einer seiner ersten Sätze zu uns: „Ich bin nicht hier, um Euch zu verändern“
Shane: Mir kommt es so vor; als ob manche Produzenten einfach nur Ihren einen Sound haben, egal mit was für einer Band aus was für einem Genre sie zusammenarbeiten, man kriegt immer eine Art Einheitsbrei. Cameron hingegen schafft es; die jeweilige Band zu erfassen und sie nach sich selbst klingen zu lassen. Er hat schon mit Motörhead gearbeitet, mit Social Distortion, sogar bei Limp Bizkit hat er seine Finger im Spiel gehabt, also alles Bands, die nicht unbedingt wie wir klingen.
getaddicted: Also wird es auf dem nächsten Album dann eine Silverstein-Single featuring Fred Durst geben?
Josh: Um ehrlich zu sein, haben wir Cameron gefragt, da er auch schon mit SnoopDog und Dr.Dre gearbeitet hat, ob er nicht seine Beziehungen spielen lassen könnte, damit die Jungs auch auf unserem Album vertreten sein könnten.
Bill: Er meinte dann, das würde wohl eher nichts werden, aber er würde alles in Bewegung setzen, um mal Lemmy vorbeizuschicken.
Paul: Was bis heute nicht geschehen ist
Bill: Er war aber eine große Hilfe, Sean von Yellowcard dazu zu kriegen, die Geigenparts auf dem Album einzuspielen. Er ist ein guter Freund der Jungs und durch ein Telefonat hatten wir unseren Streicher.

getaddicted: Was verpassen die Leute, die Euch nicht live sehen können.
Josh: Einfach Alles! Die Welt!
Bill: Wir sind live eine noch intensivere Band, unsere Sinne sind auf der Bühne viel gebündelter und man interpretiert die Songs einfach anders als auf CD.

getaddicted: Was habt ihr für heut Abend geplant? Alte Songs? Neue Songs? Wie lange werdet Ihr spielen?
Paul: Wir immer eine Menge an Pyrotechnik. Wir orientieren uns da an TheGreatWhite…ach ich mach mal wieder nur dumme Scherze.
Shane: Einen Mix! Uns ist klar bewusst, dass wir zum ersten Mal hier sind und wollen den Leuten halt nicht nur das komplette neue Album vor die Füße werfen. Wir spielen ne Menge Songs, die wir ne Weile nicht gespielt haben.

getaddicted: War es schwer, die alten Sachen wieder auf ein bühnenreifes Level zu bringen?
Shane: In der Tat, wir mussten sehr viel proben, um diese Songs wieder auferstehen zu lassen. Ich bin mir gar nicht sicher…(an die anderen) Wie oft haben wir nur die alten Sachen geprobt?
Bill: Nun es waren schon zehn, zwölf Proben, in denen wir uns nur um die „When Broken Is Easily Fixed“-Songs gekümmert haben.

getaddicted: Nun kommen wir zu den obligatorischen Fragen. Da dieses Interview für www.getaddicted.org ist…Irgendwelche Süchte in dieser Band?
Shane: (auf Bill zeigend) Platten! (auf Paul) Platten & Gambling! (auf Josh) Scotch!
Josh: Das würde ich nicht sagen, hatte ich schon länger nicht mehr…
Shane: Kacken! (Pooing)
Josh: Nun irgendwie hat da jeder so ne Affinität zu auf seine Weise, nicht? Ein paar von uns haben ne Vorliebe für Gras, zu dem Ausmaß dass man nicht ohne leben kann, aber wenn du das eine Sucht nennen willst…BITTE!
Paul: Ich treib mich gerne zu lange im Internet rum.

getaddicted: Und zum Abschluss der Mixtape-Klassiker… Fünf Songs für die Leute in Kanada, die Euch am Herzen liegen, und mit denen ihr ausdrücken wollt, wie sehr ihr sie vermisst…

Bill: „Miss You“- The Full Blast (Aufstöhnen beim Rest der Band)
Josh&Paul (simultan): harte Frage!!!
Shane: Wir denken nach während des Restes des Interviews und sagen es dir dann….
getaddicted: Das ist die letzte Frage!
(Gegrübel und Tuscheln in der Band…..)
Bill: Ach wie heißt der eine Song von den „Get Up Kids“? (Fängt an schief) zu singen:“ Long Way From Home..Walk By An Echo…Das halt…“)
Shane: Out Of Reach?
Josh: Genau, das passt…Wie wär’s mit dem einen LIFETIME-Song…äähhh...
Paul: Welcher
Josh: (singt noch schräger als Bill….) ahja „The Truth About Lars“
Shane: Also…. 1. “Miss You”-The Full Blast/2. “Out Of Reach”- Get Up Kids/ 3. “The Truth about Lars” – Lifetime
Bill: Als Klassiker ..4. ”Bohemian Rapsody” - Queen und Schließlich… Irgendeinen Song von “PetSounds” von den Beach Boys ….

Interview: Henning Haake