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MELODRAMATIK ZWISCHEN SEX, BIER UND ROSAMUNDE PILCHER
Interview mit Sonah in Köln // 5. Januar 2008
„Wer kommt mit zum Interview“, fragt Sänger Jost in die Runde, aus der ein „Nicht alle?“ zurückkommt. Im Vergleich zu Bands, bei denen das Warten-Interview-Konzert-Spielchen zur Routine geworden ist, wirken Sonah fast übermotiviert. Nachdem die Band ihren Merchtisch liebevoll mit einem LED-Lichtschlauch dekoriert hat, machen wir das Interview im Backstageraum, in dem Clickclickdecker und Der Tante Renate aka Bratze das Sofa in Beschlag genommen haben. Weder Jost noch Drummer Toni bemerken, wie die beiden zwischendurch zuhören.
GETADDICTED: Eure Platte ist ja jetzt eine gewisse Zeit raus. Wie habt ihr das Feedback dazu bisher aufgenommen?
Toni: Durchweg positiv eigentlich.
Jost: Es ist viel über Myspace gelaufen, wo uns Leute direkt geschrieben haben. Das war schon echt cool. Sonst oft bei Konzerten, zwischendurch mal.
Toni: Dann natürlich auch Reviews, auch wenn da auch negative bei waren. Das war uns auch direkt klar, dass da auch was negatives kommt.
Jost: Gerade natürlich bei einer deutschen Band, die deutsch singt.
GETADDICTED: Was gab es da an negativer Kritik, mit der ihr gut leben könnt?
Jost: Recht machen kann man es eh nie allen. Was ich interessant fand: In einem stand, es wäre zu kopflos, in einem anderen, es wäre zu kopflastig. Das Problem ist, dass wir deutschsprachige Musik machen, und da ist es schwierig, vergleichbare Sachen zu suchen, die bekannt sind. Da gibt es halt Muff Potter, da gibt es Madsen, aber wenig wirklich vergleichbares Material. Muff Potter in jünger, Madsen in härter – das war oft der Tenor.
GETADDICTED: Gab es auch Kritik, bei der ihr sagt: Das ziehen wir uns nicht an?
Toni: Da war jetzt nichts megaschlimmes bei, dass wir gesagt hätten: Damit können wir gar nicht leben.
Jost: Ich hätte nie gedacht, dass unsere Musik mit Muff Potter verglichen wird, weil ich schon finde, dass wir sehr anders klingen. Aber mit dem Vergleich kann ich trotzdem sehr gut leben, weil ich finde, das ist eine sehr gute Band!
Toni: Ich finde uns überhaupt nicht vergleichbar. Das hab ich auch direkt nach den Aufnahmen gedacht, dass ich keine Band wüsste als Vergleich. Wir werden natürlich manchmal mit dieser ganzen Emoscheiße verglichen – mit dem E-Wort.
"MANCHE TEXTE SIND DER LETZTE ROTZ"
GETADDICTED: Auf eurer Myspace-Seite steht „Melodramatischer Pop Song“. Ist das nicht eh einfach nur eine neue Bezeichnung, weil man Emo ja nicht mehr sagen darf?
Jost: Du musst ja als Band angeben, was du für eine Musikrichtung machst. Damals war „melodramatischer Pop Song“ ganz neu und hatte noch keiner. Da haben wir gedacht: „Das ist gut, das hat keiner“, da haben wir’s genommen. Seitdem kommt auch in Ankündigungen immer mal wieder vor: „Melodramatischer Pop“, und ich dachte: „Scheiße, das haben wir jetzt davon!“
Toni: Melodramatischer Pop hört sich ja auch besser an als Emo.
GETADDICTED: Wie ist die Entscheidung gefallen, nur auf deutsch zu singen?
Jost: Es klingt natürlich abgedroschen, aber für mich ist deutsch nun mal meine Muttersprache und ich muss nicht in einem Wörterbuch nachschlagen, wenn ich irgendwas ausdrücken will. Da bist du einfach sicherer und weißt genau, was du sagst.
GETADDICTED: Du machst dich gleichzeitig aber auch angreifbarer.
Jost: Auf jeden Fall. Aber bei englischen Bands hören ja viele Leute auch eher selten auf die Texte, sondern auf die Musik.
Toni: Guck dir mal manche Texte an! Das ist der letzte Rotz. Die singen den letzten Scheiß, und niemandem fällt’s auf.
Jost: Uns sind die Texte genau so wichtig wie die Musik – und deswegen halt deutsch.
GETADDICTED: Gibt’s Textpassagen, auf die ihr konkret angesprochen werdet?
Jost: Was mir aufgefallen ist: Bei Reviews werden oft die Texte zitiert. Bei englischsprachigen Bands ist das nicht so oft, vor allem nicht ganze Passagen. Ich finde das schon eigentlich ganz cool, wenn die Band mit Zitaten vorgestellt wird, wenn Leute das interessant finden und deswegen vielleicht in die Platte reinhören, wissen wollen, was dahinter steckt. Also wenn ich irgendwo ein Review lese und denke, die Texte hören sich interessant an, dann will ich auch wissen, wie sich die Musik dazu genau anhört.
GETADDICTED: Der Vergleich mit Muff Potter war überall zu lesen, auch wenn die Musik anders klingt. Sind Muff Potter trotzdem für euch ein direkter Einfluss?
Jost: Mit Vorbildern tu ich mich generell schwer. Muff Potter ist eine Band, die ich selber privat sehr gerne höre. Alles, was man macht, hört, erlebt – alles beeinflusst irgendwie. Es gibt ja auch einen Song von Muff Potter, wo sie Bezug nehmen auf den Film „Stand By Me“. Und bei uns wird ja auch in einem Song Ray Brower genannt – die Leiche in dem Film. Aber hey: Wir finden den Film auch alle cool. Warum sollen wir das nicht auch ausdrücken dürfen? Wir dürfen doch trotzdem sagen: Wir finden das auch cool! (lacht)
GETADDICTED: Welche anderen deutschsprachigen Bands hört ihr sonst noch gerne?
Toni: Ich finde Madsen ja ganz cool. Ich hab die mal auf einem Festival gesehen, da fand ich die gut.
Jost: Ich würde dann eher zu Muff Potter tendieren. Ich höre mir aber auch Wir sind Helden oder Mia. an.
Toni: Tokio Hotel.
Jost: Funny van Dannen finde ich cool. Und die neue Ärzte-Single.Und Bosse. Mit das beste, was es auf dem deutschen Musikmarkt gibt. Und Jupiter Jones natürlich! Mit denen wir auf Tour waren.
GETADDICTED: Nicholas von Jupiter Jones steht ja auch in eurer Biografie mit dem Satz zitiert: „Alles zielt schön auf Herz und Hirn. Schönes Ding!“ Was habt ihr ihm dafür gegeben?
Jost: Ein Bier! (lacht)
Toni: Er hat ein Küsschen von uns gekriegt!
Jost: Aber das hätte er ja eh bekommen! Wir waren mit denen unterwegs und es hat einfach Megaspaß gemacht. Das hat auch alles gepasst! Wir haben uns saugut verstanden.
WER MACHT MIR EIN MIXTAPE?
GETADDICTED: „Mit aller Macht“ fällt ja textlich bei euch total raus.
Jost: Den Song gab’s, den fanden wir gut, deshalb ist er auf der Platte. Der ist jetzt nicht drauf, weil wir nicht nur „Befindlichkeitstexte“ auf der Platte haben wollten. Uns war auch gar nicht so bewusst, dass der so total rausfällt – deswegen: Das war keine bewusste Entscheidung. Aber es stimmt schon, dass er anders ist.
GETADDICTED: Wenn eure Platte ein Film wäre, wie wäre er dann?
Jost: Ein melodramatischer Popfilm! (lacht) Ein Spielfilm. Ein Blockbuster! Ein Rosamunde Pilcher-Film.
Toni: Ein Kurzfilm auf jeden Fall. Drama mit Happy End.
Jost: Das isses: Ein melodramatischer Popmovie mit Happy End.
GETADDICTED: Welcher Droge seid ihr verfallen:
Jost: Sex und Bier. Und natürlich Freundschaft (legt seine Hand sanft auf Tonis Oberschenkel)
Toni: Hauptsächlich Sex und Bier (schiebt die Hand weg).
Jost: Leute, nehmt keine Drogen!!!
GETADDICTED: Welche Songs kommen aufs Mixtape für die Herzdame?
Toni: Donovan Frankenreiter – Day Dreamer. Tiger Lou, aber da fällt mir der Songname nicht ein.
Jost: Matt Skiba – Next To You. Rocky Votolato – Mixtapes/Cellmates. Ich mache ja leidenschaftlich gerne Sampler, und da dauert es bei mir auch mehrere Stunden, bis ich einen fertig hab. Ich hab auch eine Sammlung von Filmzitaten, die ich dann einbau. Also nicht billig aus dem Internet gezogen, sondern aus der eigenen Filmsammlung rausgeschnitten. Da kann man auch schön Songs mit zusammenschneiden. Ich freu mich auch immer, wenn mir mal einer ein Mixtape macht.
Toni: Aber macht ja keiner.
Jost: Toni? Machst du mir mal ein Mixtape?
Toni: Ich würde auch was von Norah Jones nehmen.
Jost: Norah Jones??? Ich würde lieber Ataris nehmen, mit „I.O.U. One Galaxy“
Toni: Kristofer Aström mit „The Wild“, aber in Akustik, nur er mit Britta Persson. Die Version mit Band ist scheiße.
Jost: Und dann noch von Jupiter Jones „Oh hätte ich dich verloren“.
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