DEKONSTRUKTIVER SEX

 

Interview mit Tom Barnett von Strike Anywhere in Bielefeld // 28.11.2006

 

So stellt man sich das vor: Location schnell zu finden (am Hbf), keine Schlange, schnell auf der Gästeliste gefunden worden, dann drinnen sofort die Tourmanagerin getroffen, mit in den Tourbus gegangen und den Sänger als Gesprächspartner bekommen. Tom Barnett zeigt sich dann auch noch äußerst redselig und als lockerer und freundlicher Typ.

GETADDICTED: Ihr seid ja eine sehr politische und in verschiedenen Projekten engagierte Band. Andere Leute in der Punk- oder Alternative-Szene tun da deutlich weniger, sind eher Spaß- oder teilweise sogar Style-fixiert. Was haltet ihr davon?
TOM: Es gibt natürlich viele verschiedene Bands und wir würden auch gar nicht wollen, dass jede Band so ist wie wir. Wir lieben den Spaß und die ganze Kultur, die in unserer Musik steckt und sind keine verbitterten, akademischen Typen. So eine Vollzeit-Band, wie wir sie haben, frisst einfach einen großen Teil deines Lebens. Deshalb versuchen wir auch, diese Plattform, die uns das Banddasein bietet, zu nutzen und unsere Ideen zu verbreiten, um damit andere Leute zu inspirieren oder zum Nachdenken zu bringen. Dabei ist das Medium, also die Musik, genauso wichtig wie die Message an sich. Wenn ich mal etwas Privatleben zwischen dem Touren habe, engagiere ich mich zwar noch für Protestaktionen, sehe aber auch zu, dass ich Zeit mit meinen Freunden verbringe oder Hobbies nachgehe. Es muss immer Zeit geben, sich zu entspannen, auch wenn einiges in der Welt beschissen läuft, sonst wirst du zur Comicfigur.

GETADDICTED: In der Metalcore-Szene gibt’s ja mittlerweile einige Bands mit konservativen Texten; und dann gibt es ja auch noch diese Website mit der Domain conservativepunk.com... Kann das überhaupt passen, Punk und ein konservatives Weltbild?
TOM: Also offensichtlich sind „wir“ und „die“ unterschiedlicher Meinung, und deren Standpunkt kommt mir unaufrichtig und merkwürdig vor. Punk war immer ein Medium für Nonkonformität und psychologisch „gefährliche“, schöne Ideen. Und das nicht nur in einem politischen, sondern auch sozialen, offenen Sinn. Ich finde diese conservativepunk-Sache nicht besonders clever aufgemacht und sehe das als Gegenreaktion zu dem, was in den letzten Jahren in der Punkszene passiert ist. Es erinnert sehr an die eitle, eindimensionale Art, in der die meisten Amerikaner denken. Wahrscheinlich meinen die es gar nicht mal so ernst, sondern versuchen nur Aufmerksamkeit zu erregen.

IM EINSATZ FÜR DIE VERGESSENEN UND BETROGENEN


GETADDICTED: Die USA scheinen mittlerweile in zwei Extreme aufgeteilt, Bibelchristen, NRA usw. auf der einen Seite und Leute wie ihr oder Fat Mike auf der anderen Seite, die sich gegen die Erstgenannten wehren. Aber es muss ja noch etwas dazwischen geben...
TOM: Interessant, dass du das sagst, denn das ist genau das, was uns unsere Medien als Bild von uns selbst als Amerikanern geben wollen, und anscheinend scheint das auch in Europa so anzukommen. Es ist aber nicht so, und es ist auch niemals so gewesen, es gibt natürlich ein sehr breites Spektrum dazwischen. Erstmal ist es wichtig zu sagen, dass wir aus dem Südwesten, aus Virginia sind. Und das ist ein großer Unterschied zu Leuten wie Mike aus San Francisco, der liberalsten und reichsten Stadt an der Westküste. Die Wege, auf denen wir zu diesem ähnlichen politischen Standpunkt gekommen sind, waren also sehr, sehr unterschiedlich. Historische und soziologische Hintergründe von vielen Personen werden durch so eine Betrachtungsweise unter den Teppich gekehrt. Das Beispiel von Hurricane Katrina hat gezeigt, dass die arme, schwarze, Latino- und generell die working class- Gesellschaft, vor allem die im Süden, einfach ignoriert und vergessen wird. Und die sind auch noch am einfachsten zu manipulieren, da das Bildungsniveau in diesen Schichten durch den Staat unten gehalten wird. Bei euch in Europa scheint zumindest die Bemühung da zu sein, jedem einen ähnlichen Bildungsstandard zu ermöglichen, bei uns gibt es so etwas nicht.
Deshalb denke ich, es spielt den Politikern in die Karten, wenn sich die Medien nur auf die extremen Gruppen konzentrieren.

GETADDICTED: Was würdest du denn sagen, was der durchschnittliche Amerikaner zur aktuellen politischen Lage in den USA mit den vielen Brennpunkten innerhalb und außerhalb des Landes sagt?
TOM: Also ich betrachte mich selber als einen sehr durchschnittlichen Bürger, vielleicht sogar unterdurchschnittlich...
Es ist einfach verletzend, unsensibel und sehr weit weg vom alltäglichen Leben, was da passiert. Und das ist auch der springende Punkt, das amerikanische Medienspektakel hat die Leute um ihr Bewusstsein über ihre eigene Macht in der Politik gebracht, und das zieht sich durch alle Schichten. Ich denke, dass das Zurückgewinnen dieser Macht, der Geschichte seinen eigenen Stempel aufzudrücken, das Erste ist, was jede Bewegung tun muss. Ich glaube aber auch, dass die zurückliegende Kongresswahl einen sehr optimistisch stimmen kann und irgendwie schon fast schockierend war. Es scheint der Punkt gekommen zu sein, an der die Leute genug haben und sich trauen auszuprobieren, ob die Demokraten das geringere Übel der beiden Parteien sind.

GETADDICTED: Glaubst du denn, dass einerseits der nächste Präsident wieder von den Demokraten gestellt wird und dass das andererseits überhaupt einen großen Unterschied macht?
TOM: Ich glaube, dass eher die Zeiten die Politik bestimmen als die Parteien. Ob der nächste Präsident ein Demokrat sein wird, ist schwer zu sagen. In unserem System ist es sehr einfach, seinem Gegner innerhalb kürzester Zeit einen großen Imageschaden zuzufügen, der ihn scheitern lässt. In unserer beinahe apokalyptischen Situation mit dem Irakkrieg, Korruption in der Innenpolitik usw. ist es immer sehr leicht, es dem anderen etwas in die Schuhe zu schieben, wenn etwas schief läuft, also bedeutet dieser Wahlsieg in der Mitte der Regierungsperiode des Präsidenten noch nicht allzu viel. Der Wahlkampf um das Präsidentenamt ist auch wieder nur so ein merkwürdiges, dreckiges Medienereignis, das von lokalen Maßnahmen ablenkt, die den Leuten tatsächlich helfen könnten. Dieses Level ist uns auch wichtiger. Es ist zwar schon wichtig, sich um größere politische Fragen zu kümmern, aber das kann einen auch depressiv machen, denn im Endeffekt bist du da meistens nur Zuschauer.

GETADDICTED: Mein Lieblingslied von euerm neuen Album ist „The Promise“. Im Text des Liedes dreht es sich ja ursprünglich um die amerikanischen Ureinwohner?
TOM: Ja, aus deren Sichtweise heraus wurde das entwickelt.
GETADDICTED: Aber der Schlüsselsatz im Text ist ja „We´ll take back everything they steal“, sozusagen als revolutionäre Grundidee…
TOM: Auf jeden Fall, diesen Ansatz haben wir in vielen unserer Songs.
GETADDICTED: Was meinst du denn, wie realistisch so hochgesteckte Ziele überhaupt sind?
TOM: (lacht) Oh, das ist so wortgetreu von dir, so deutsch (Gelächter allerseits...) So eine Frage wird einem nur in Deutschland gestellt. Das ist natürlich symbolisch gemeint.
GETADDICTED: Schon klar.
TOM: Es ist einfach eine Art, Leuten Mut zuzusprechen. Zu zeigen, dass es Teile in dir gibt, die niemand brechen oder dir wegnehmen kann. In dem Fall z.B. sich an alte, spirituelle Namen von Gegenden zu erinnern und für die Gleichberechtigung der Native Americans einzutreten, ohne dabei ihre Individualität auszulöschen. Das Ganze ist dann vielleicht auch als Warnung gedacht, dass die Regierung, oder Großkonzerne, auch bei uns versuchen, unsere Identitäten zu rauben; deshalb sollten wir uns mit jenen, denen das schon geschehen ist, solidarisieren. Unser Mercher Josh ist ein Cherokee, ein sehr freundlicher Kerl, immer mit dabei, und so beeinflusst er einige Aspekte unserer Songs.

GETADDICTED: Dann jetzt mal etwas „leichtere Kost“: Ich hab zu Hause eine DVD mit dem Titel „Appetite for Deconstruction“. Auf dieser sagst du, dass zwar einige aus eurer Band auch mal was trinken, verglichen mit den anderen Bands der Tour seht ihr aber aus wie Straight Edger...
TOM: Oh ja, das ist wahr...
GETADDICTED: Welche war denn die extremste oder wildeste Band, mit der ihr bis jetzt getourt seit, und welche die langweiligste?
TOM: Manchmal denke ich, dass Bands, die zu viele Sachen nehmen, auch sehr langweilig sind, weil man dann einfach keine außergewöhnlichen Dinge mehr erlebt. Selbstzerstörerisches Verhalten macht Leute langweilig. Aber es gibt auch Leute, die wissen, wie man die Sachen, die man zu sich nimmt, dosiert und die es einfach verstehen, gut zu feiern. Wir hatten sehr viel Spaß mit Only Crime, die Straight Edge sind. Auf der anderen Seite sind Leute wie The Slackers einfach nur unglaublich und wissen, wie man eine Party schmeißt. Die haben jeden Abend eine Bar mit Reggae und Jazz irgendwo an einem geheimen Ort auf dem Veranstaltungsgelände aufgebaut. Die waren sehr organisiert in ihrer Trunkenheit. Das war wirklich großartig.

AUF TOURNEE MIT DER US-ARMEE


GETADDICTED: Einer der Tourteilnehmer sagt im Interview: „Deconstruction is like the Warped Tour without the assholes“
TOM: (lacht) Naja, eigentlich ist das so ziemlich die Wahrheit. Deconstruction ist immer noch ziemlich Punk-focussiert, während die Warped Tour ein Sklave dessen ist, was grade angesagt ist. Es ist echt Gift für die Jugendkultur, mittlerweile sind sogar Leute von der Army mit auf der Tour, die versuchen, die Jugendlichen zu rekrutieren, es gibt also `ne Menge schlimme Dinge dort. Aber es ist immer noch der einzige Weg für Bands, in die Mitte des Landes vorzudringen, dort wo es nur kleine Orte ohne richtige Punkszenen gibt. Und auch wenn die Kids wegen irgendwelcher Emo-Metal-Bands dort hingehen, hast du trotzdem die Chance, sie für Hardcore oder Punk und unsere Ideen zu begeistern. Also muss man dieses One-way Ticket zur Hölle der Korruption annehmen. Außerdem ist es auch wichtig, dass Leute auf der Tour sind, die gegen die Armee-Rekrutierer ankämpfen und den Kids zeigen, dass deren Weg nicht der richtige ist.
Deconstruction zwingt dich nicht, diese Entscheidungen zu treffen, das ist mehr eine riesige Party. Einfach viel Spaß mit guten Bands und netten Leuten.

GETADDICTED: Was machst du denn lieber, so eine Festivaltour oder eine „eigene“ Tour wie diese jetzt?
TOM: Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, die ich aber beide liebe. Seine eigene Tour zu headlinen, auf der man sein Album promoted und als letzter spielt und einen guten Eindruck hinterlassen will, das ist schon sehr nervenaufreibend, aber gleichzeitig auch sehr aufregend. Wenn man nur eine Band unter vielen ist, geht man nach dem Auftritt was essen und unterhält sich und so weiter. Dagegen ist der heutige Tag z.B. komplett auf unseren Auftritt zugeschnitten, und wenn der vorbei ist, ist auch der Tag zu Ende. Auf der Deconstrution Tour machst du vielleicht nicht so viel Eindruck auf die Leute, dafür hast du sehr viel mehr Freizeit.
GETADDICTED: Also das hier ist mehr so dein Tagesjob, und Deconstruction eher freelancing?
TOM: Vielleicht, wobei sich beides nicht wie ein Job anfühlt. Das ist alles sehr leidenschaftlich und kommt von Herzen. Wenn du einen Vergleich haben willst: Das hier ist so wie ein Baby zur Welt zur bringen, während die Deconstruction Tour so ist, wie Sex zu haben (Gelächter).

GETADDICTED: Ich hab auf eurer Website gesehen, dass ihr noch bis Mitte Dezember in Europa bleibt und dann bis Januar Pause macht?
TOM: Naja, eine richtige Pause ist das nicht, wir treffen uns schon am 2.Januar mit NOFX, um die auf ihrer „Winter in California“-Tour zu supporten.
GETADDICTED: Aber dieser freie Zeitraum sieht fast so aus, als hättet ihr euch für die Feiertage frei genommen wie „normale“ Leute.
TOM: Fast, ja. Also es liegt auch daran, dass die meisten Leute über Weihnachten nicht wirklich daran interessiert sind, zu einer Hardcore-Show zu gehen. Wenn das Publikum da wäre, wären wir es sicherlich auch. Keiner von uns ist religiös, aber wir verbringen die Zeit natürlich auch im Kreis unserer Familien.

GETADDICTED: Zum Abschluss noch unsere Suchtfrage: Nenn uns bitte etwas, wonach du
- neben der Musik - süchtig bist.
TOM: Gute Frage. Hm. Vielleicht lesen, ich muss immer die Nachrichten verfolgen. Das ist langweilig, ich weiß, sorry. Aber wenn ich längere Zeit keine Zeitung gelesen habe, fühl ich mich so, als ob mir etwas fehlt. Ich hab mir auf der Fähre von England aufs Festland vier Zeitungen geholt, da ich wusste, dass das die letzte Chance für Lesestoff für einige Zeit sein wird.
GETADDICTED: Wir sind hier direkt gegenüber dem Hauptbahnhof, da wird es sicher einen Laden mit internationaler Presse geben.
TOM: Gut, da werd ich hingehen, wenn ich Zeit dafür finde!

 

 

Interview: Fred Flenner, Daniel Fehling