CURLING, COMICS UND THE CLASH

 

Spontan-Interview mit John K. Samson von den Weakerthans in Köln // Oktober 2007

 

Die Uhr zeigt halb fünf. Das Interview mit House & Parish ist geführt. Bleibt noch viel Zeit, bis am Abend im ausverkauften Kölner Stollwerck die Regler hochgefahren werden. Doch wie nun das Warten überbrücken? Zum Beispiel, indem man Sänger und Gitarrist John K. Samson am Ende des Weakerthans-Soundchecks um ein Spontan-Gespräch bittet. Wo selbsternannte Rockstars ansonsten wortlos ablehnen oder im freundlicheren Fall an ihr Management verweisen, bietet der hagere Sympath aus Winnipeg kurzerhand eine Viertelstunde Dialogdauer an.

 

GETADDICTED: John, erinnerst du dich an die erste Probe mit deiner ersten Band?
John: Es war wahrscheinlich in der High-School. Ich denke wir haben einen R.E.M.-Cover gespielt. Ich weiß nicht mehr welchen, wahrscheinlich etwas vom „Green“-Album.
GETADDICTED: Vermutlich „Stand“…?
John: Nein, das wäre zu schwer gewesen. Nichts kniffliges auf jeden Fall. „Finest work song“ ist ziemlich einfach, daher nehme ich den.
GETADDICTED: In welchem Jahr war das?
John: Das muss 1989 gewesen sein.

GETADDICTED: Wie sieht es mit anderen Jobs aus? Oder lebst du nur von der Musik?
John: Ich habe andere Jobs, aber ich kann allein von der Musik leben.
GETADDICTED: Du führst einen Verlag, richtig? Erzähl uns bitte etwas darüber.
John: Ja das stimmt. Er heißt „Arbeiter Ring“ und existiert seit zehn Jahren. Pro Jahr gibt es fünf Veröffentlichungen. Ein Mix von politischen, kulturellen und fiktionalen Themen. Ich kümmere mich darum, wenn ich zu Hause bin.

GETADDICTED: Kannst du uns fünf persönliche Allzeit-Lieblingsbücher nennen?
John: Das ist eine schwierige Frage…1. John Berger – To The Wedding (Auf dem Weg zur Hochzeit); 2. Kurt Vonnegut – Slaughterhouse Five (Schlachthaus Fünf/ Der Kinderkreuzzug); 3. Miriam Toews – A Complicated Kindness (Ein komplizierter Akt der Liebe); 4. W.H. Auden – The Collective Poems; 5. J.M. Coetzee – Disgrace (Schande)

GETADDICTED: In einem anderem Interview war zu lesen, dass du nicht gerne über deine Musik sprichst, also lass uns doch über Curling reden. Was ist so besonders daran?
John: Es ist ein wirklich schöner Sport, der Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und mit verschiedenen Lebenswegen zusammenbringt.
Jeder kann es spielen, ohne außerordentlich athletisch zu sein. Trotzdem ist es ein dynamischer Sport. Die Strategie ist sehr dabei wichtig. Außerdem mag ich die spezifische Sprache sehr gerne. Ich mag viele Dinge, die damit zu tun haben. Deutschland hat auch ein Team, oder!?
GETADDICTED: Wir haben ein Männer- und ein Frauen-Team.
John: Also wird es hier irgendwo Wettkämpfe geben. Man muss übrigens nicht zwingend als Kind mit dem Sport anfangen. Natürlich ist es einfacher, aber er ist auch so schnell zu erlernen. Am besten ihr gründet einen Curling Club, oder ich werde einen für euch in Deutschland ausfindig machen.
GETADDICTED: Bist du denn Mitglied in einem Curling-Club?
John: Ja. Im Fort Rouge Curling-Club.
GETADDICTED: Gibt es etwa sogar ein Weakerthans-Curling Team?
John: Nicht wirklich. Stephen und ich sind zusammen in einem Team gewesen. Wir spielen zweimal in der Woche. Die anderen weniger. Leider können wir auf Tour kein Curling spielen. Stattdessen lesen wir Bücher und sitzen im Bus herum.

GETADDICTED: 2006 habt ihr beim Sant Feliu Fest in Spanien gespielt. Am Ende eures Auftritts sagtest du: „Wir sehen uns am Strand?“ Seid ihr auch schwimmen gegangen?
John: Ja sind wir. Ich mag schwimmen eigentlich nicht so, aber es hat Spaß gemacht Ein sehr interessantes Festival, bei dem wir sehr viel Spaß hatten. Für uns war es etwas besonderes, da es der erste Weakerthans-Auftritt in Spanien war. Vielleicht auch der letzte, denn seitdem sind wir nicht mehr dort gewesen.

GETADDICTED: Eine der Organisationen, welche die aktuelle Tour präsentiert, ist die selbsternannte Tierrechtsbewegung PETA. Wie stehst du zu ihrer Kampagne: „Der Holocaust auf deinem Teller“?
John: Ich bin mir nicht sicher, da noch nie davon gehört habe. Hört sich, als wollten sie die Menschen provozieren. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob ich der semantischen Seite zustimmen kann.
GETADDICTED: Sie vergleichen zum Beispiel auf Plakaten Konzentrationslager mit Käfighaltung.
John: Sieht nach Provokation aus. Ich würde diese Vergleiche nicht anstellen. Aber PETA ist eine provozierende Organisation und ich bewundere sie für ihre Ziele, die sie sich selbst setzt.

GETADDICTED: Nehmen wir an, du könntest eine Zeitreise unternehmen, um einen Song zu einem Film-Soundtrack beizusteuern… Wir geben dir drei Möglichkeiten: Titanic, Rocky oder Star Wars?
John: Star Wars! Die anderen mag ich eigentlich nicht.
GETADDICTED: Welchen Song würdest du auswählen?
John: Ich habe keine Ahnung. Mir fällt kein Song ein, der zu einem der drei Filme ein. Titanic habe ich noch nie gesehen, worauf ich sehr stolz bin. Ich habe nichts gegen DiCaprio, er ist okay. In „Gangs Of New York“ mochte ich ihn zum Beispiel.

GETADDICTED: Welche Band sollte sich deiner Meinung nach wiedervereinigen? Was ist mit Red Fisher?
John: Ja, Red Fisher war die erste Punkshow, die ich je gesehen habe… ansonsten würde ich es lieben Jawbreaker wiederzusehen. Und The Clash! Aber das wird leider nicht geschehen.

GETADDICTED: Hast du einen Lieblings-South-Park-Charakter?
John: Kyle‘s kleiner Bruder Ike. Ich denke, weil er aus Kanada adoptiert ist. Ich schaffe es übrigens nie, mehr als eine Episode zu gucken, sonst fange ich an die Welt zu hassen. Die Serie ist einfach zu schmutzig und bösartig. Die Macher verstehen ihr Handwerk, aber ich ertrage das Ganze nur in kleinen Dosen. Wie all diese „gemeinen“ Serien.

 

 

Interview: Michael Blatt, Betty Fredel
Fotos: Betty Fredel