Samstag ist Vatertag
Billy Bragg live in Bochum
Zeche // 22.05.2012
Eindreiviertel Stunden allein auf der Bühne - nur der Mann und seine Gitarre. Und es wird garantiert nicht langweilig, wenn Billy Bragg in die Saiten greift. Der 54-Jährige gehört ganz klar zu den guten Entertainern.
Den Abend eröffnet Anais Mitchell, eine kanadische Songwriterin mit Gitarre. Und das schon vor dem offiziell angekündigten Beginn um 20 Uhr. Bereits um 20.15 Uhr beendete sie das Vorprogramm. Nett, aber ohne Eindruck zu hinterlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Bochumer Zeche eh nur halb gefüllt. Der Rest sucht irgendwo Abkühlung, in der Halle selbst ist es richtig warm.
20.36 Uhr, der Meister betritt die Bühne. Die Halle ist gut gefüllt, nicht ganz ausverkauft. Gut, angegraut ist der Gute. Aber mit 54 Jahren darf man das auch. Ansonsten könnte man meinen, ein 30-Jähriger steht da auf der Bühne. Wobei: Würde Billy Bragg zwischen den Songs nicht so viel plaudern, er könnte gut und gerne fünf Stücke mehr pro Abend auf die Bühne bringen.
Dafür sind seine sprachlichen Ausflüge in seine Heimatsprache, aber auch ins Deutsche, ungemein unterhaltsam, richtig kurzweilig. Man hört ihm gerne zu. Sein erster Einwurf - wie es sich für einen guten Engländer verhält - gilt natürlich dem Fußball. Und da blickt Bragg auf das Champions-League-Finale zurück. Natürlich auf den verschossenen Elfmeter von Schweinsteiger, den er auch zwischendurch mal Steinschweiger nennt. "It could not have happened to a nicer bloke." Und betont mit einem Augenzwinkern, dass die Engländer dafür ein passendes Wort hätten: Schadenfreude. Passend ist der folgende Song "From Red To Blue" - ein Schelm, der böses denkt...
Dabei ist Bragg gar kein Chelsea-Fan. Er outet sich als Anhänger von West Ham, die in der vergangenen Saison in der 2. englischen Liga im Einsatz waren. Und - in Anspielung an den VfL Bochum - meint er auch, dass es keine Schande sei, in der 2. Liga zu spielen.
Bragg betont, gegenüber seinem letzten Auftritt in Bochum nun besser singen zu können. Dafür sei sein Deutsch schlechter geworden - und vielleicht auch sein Englisch. Bragg ist verwundert über deutsche Bräuche wie den Vatertag. "In England haben wir auch einen Tag, wo betrunkene Männer in den Straßen rumtorkeln. Bei uns heißt der Samstag." Bragg erzählt von seinen Ausflügen in ein Kaufhaus am Berliner Alexanderplatz, wo er sich original deutsche Unterhosen zeigen lässt. Er berichtet über sein Deutsch-Wort des Tages (Sitzpinkler), über Konzerte und Treffen mit Morrissey, über familiäre Probleme mit seinem Sohn Jack, der mittlerweile selbst in einer Band spielt. Papa Billy lobte sein Gitarrenspiel - "Er ist mit 18 Jahren weiter als ich in diesem Alter"-, durfte jedoch nicht Jacks allererstes Konzert besuchen. Auf die Frage: Warum nicht? bekam Billy die Gegenfrage: War dein Vater bei deinem ersten Konzert anwesend? Billy: Nein, aber ich habe auch nicht seinen Verstärker benutzt.
Ach ja, Musik gab's auch noch. Dabei umspannten die Stücke das ganze Schaffen Braggs, von den Anfängen bis zur aktuellen Mini-EP "Six Songs From The Pressure Drop". Als guter Singer/Songwriter müsse er auch zwischenzeitlich zur Akustikgitarre greifen. Und performte seinen "größten Disco-Hit" "Sexuality" sowie "The Space Race is over". Nach rund 90 Minuten war das reguläre Set beendet. Bragg kam noch für drei Zugaben raus. Als Rausschmeißer musste sein wohl bekanntester song "A New England" herhalten. Dabei ließ er den Refrain vom Publikum singen. Und bedankte sich artig für einen wahrlich "heißen Abend". Bragg würde sich wünschen, dass im EM-Finale Deutschland und England aufeinander treffen. Und dass "Schweini" im Elfmeterschießen erneut nicht trifft. Der Haken daran: England hat keinen Drogba...
(Text und Fotos: Michael Steyski)
Kommentare