"Ich brech dir deine Arme"
Interview mit Lostprophets
Keyboarder Jamie Oliver und Bassist Stuart Richardson sprechen im Interview über fehlgeschlagene Improvisationen, ihre Wut über die Presse und warum sie bei ihrem neusten Album "Weapons" einiges anders angegangen sind.
GETADDICTED: Wie waren die Reaktionen der Fans bisher?
Jamie: Unglaublich!
Stuart: Ja, seit wir mit dem neuen Album an die Fans herangetreten sind, genießen sie es; lieben sie es.
Jamie: Ich bin viel konzentrierter, wenn ich die neuen Songs spiele, weil es noch nicht zur Routine für uns geworden ist. Ich bekomme also nicht wirklich mit, was um mich rum passiert. Ich kann nur davon ausgehen, was ich höre, da ich mich ein bisschen in der Performance verliere. Aber einige Leute haben mir erzählt, dass das neue Album sehr gut ankommt.
Stuart: Ja, mehr als sehr gut.
Jamie: Aber bei Songs, wie „Jesus Walks“...
Stuart: ... Müssen wir uns darauf konzentrieren, was wir spielen, sonst versagen wir total. Einen neuen Song zu spielen ist furchtbar. Wir haben „Last Train Home“ jetzt sicher eine Millionen Mal gespielt und „Jesus Walks“ vielleicht fünf Mal.
Jamie: Manchmal versuche ich auch zu improvisieren, aber in meinem Kopf ist fest verankert, wie der Song klingt, also stagniert meine Stimme bei genau der Stimmlage.
Stuart: Das geht natürlich auch manchmal schief und man singt schief und krumm, weil man eine Note im Kopf hat, aber eigentlich eine andere singen will.
GETADDICTED: Ist es euch noch wichtig, was die Presse über eure Alben sagt?
Stuart: Wenn sie gute Dinge sagt.
Jamie: Offensichtlich ist das unsere Kunst, unsere Art uns auszudrücken und unser Beitrag. Wir sind stolze Väter unserer Arbeit. Wenn die Kritik konstruktiv ist, dann nehme ich mir auch Zeit und bin offen dafür.
Stuart: Man kann wachsen, wenn man sich konstruktive Kritik zu Herzen nimmt. Wenn Leute aber nur davon ausgehen, wie man aussieht, oder denken sie kennen dich, obwohl sie nicht einen Track gehört haben, regt mich das auf.
Jamie: Ja, das regt mich auch auf. Wenn dann so Sachen kommen, wie: „Sie feiern sich ab auf der Bühne und sind aufgestylt. Ich möchte ihnen nur ins Gesicht schlagen, weil sie denken sie wären eine Boyband“. Bei sowas denke ich mir nur, was zur Hölle das mit dem Album zu tun haben soll. Außerdem: Komm und versuch mir ins Gesicht zu schlagen, ich brech dir deine Arme. Das kann wirklich nerven, denn als guter Journalist sollte man sowas nicht mit einbeziehen. Es enttäuscht mich, dass manche Leute so engstirnig sind, bevor sie objektiv an die Sache rangehen. Wenn man die Kritik anständig begründet mit „Der Teil des Songs gefällt mir nicht, weil...“, dann finde ich das fair und verstehe es. Deswegen sind Menschen verschieden. Wenn wir alle gleich wären und alle die gleichen Sachen mögen oder nicht mögen würden, wäre das schrecklich.
Stuart: Jep, Sir.
GETADDICTED: Warum habt ihr euch für „Bring ‘Em Down“ als erste Single entschieden?
Stuart: Haben wir nicht. Bei jedem Album hatten wir eine fette erste Single, die den Ton angab für den Rest des Albums. Wir wollten es diesmal anders machen und keine Hymne schreiben, sondern einen harten Rocksong, der ein paar Hip Hop-Einflüsse hat. Unser Label hat es dann als erste Single gewählt und wir hielten sie für verrückt. Wir haben diesen Song nie als Single gesehen.
Jamie: Wir haben sehr guten Kontakt zu einer der Hauptradiostationen in England: Sie haben uns von Anfang an unterstützt und wir verstanden uns immer gut mit ihnen. Jeder Rocksong in England klingt Lostprophets sehr ähnlich. Es ist so, als würde jeder versuchen auch so große Hymnen zu schreiben. Wenn wir jetzt eine große Hymne veröffentlicht hätten, wäre er vielleicht untergegangen in all den Bands, die wie wir klingen wollen. Das Radio braucht (das ist, was sie uns gesagt haben) etwas Aufregendes. Es muss nicht etwas sein, was man sofort mag oder die Hymne für den Sommer, sondern etwas Aufregendes, etwas Rockiges; das wollten sie von uns. Sie hatten das Gefühl, dass die Musik in England sehr tanzbar und vorrausschauend geworden war und sie wollten etwas, das Eier hat und Wirkung zeigt. Sie haben uns also um diesen Song gebeten und wir haben verstanden, warum sie das wollten. Andererseits mochte ich den Song, weil es keine sichere Nummer war. Wir wollten nicht direkt mit dem besten Song des Albums rauskommen. Dann wären alle begeistert gewesen und hätten nach mehr verlangt, aber das war ja dann eben schon der beste Song. Diesmal wollten wir eher ein bisschen protzen und provozieren, als wieder das Offensichtliche zu machen.
Stuart:In der Vergangenheit mussten wir uns mit den Radiostationen immer die Bälle zuwerfen. Das heißt, wir mussten ihnen den sichereren Song geben. Der Song, wegen dem die Leute dann zu den Shows kommen, weil keiner mehr Alben kauft. Der Fakt, dass sie den härteren Song vom Album ausgewählt haben, war für uns unglaublich.
Jamie: Vor ein paar Jahren war es wirklich so, dass einem gesagt wurde, dass man die Aufmerksamkeit der Menschen in den ersten 20 Sekunden des Songs bekommen muss, weil man sonst vom Label fallen gelassen wird, man gar nicht erst gespielt wird oder was auch immer. Das wurde einem gesagt und viele Bands kamen damit klar. Wir haben unser Management und Label gewechselt und haben jetzt ein ganz neues Team. Bei unserem neuen Management ist es so, dass wir uns nicht drum kümmern müssen, wie die Standards sind oder wie die Meinungen der Leute sind. Wir haben jetzt die Kontrolle und Verantwortung für unsere Karriere. Es geht nicht um den einen Song und dann ist alles vorbei. Fuck it, das ist eine Reise. Das ist ein langfristiger Plan und kein „Oh, wir haben einen sicheren Song und schauen, ob die Leute ihn mögen“. Das Label liebt uns und glaubt an Wachstum und Weiterentwicklung. Wir machen es auf unsere Weise und nicht auf die sichere Weise für ängstliche Menschen. Und wenn das heißt, dass wir kein Geld für Musikvideos haben, dann drehen wir sie halt selbst. Wenn das heißt, dass wir kein Geld haben, um eine weitere Single zu veröffentlichen, dann veröffentlichen wir sie selbst. Wir sind jetzt soweit, dass wir daran glauben selbst für unser Schicksal verantwortlich zu sein. Auch wenn wir vielleicht keine Kontrolle über unser Schicksal haben, können wir wenigstens verschiedene Elemente kontrollieren anstatt nervös und ängstlich zu sein. Wir haben jetzt breite Schultern und sind lang genug in der Szene, um eine Hauptrolle zu übernehmen. Bämz.
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