Interview

Zu alt für Hardcore?

Interview mit Torben Utecht (Allschools Network)

Das Allschools Network wird 15 Jahre alt. Der langjährige Chef Torben und ich haben sind uns über die Jahre immer wieder bei Konzerten über den Weg gelaufen - früher häufiger, heute seltener. Zeit, mal über die Höhepunkte und skurrilsten Momente im Leben eines Hardcore-Onliners nachzufragen, über die Art, wie sich Musikhören verändert hat und über eine Episode als Chef eines Print-Magazins, die nicht aus Torbens Verschulden etwas unrühmlich war. Trotzdem - oder gerade deswegen: Happy Birthday Allschools!

Allschools-LogoGETADDICTED: Kannst du dich noch erinnern, was deine erste Hardcore/Punkrock-Platte war, die du gekauft hast?
Torben: Das allererste Objekt meiner Sammlung war die „Zu spät“-7-Inch von den Ärzten, irgendwann in den 80ern. Ich kaufte sie damals auf dem Flohmarkt, bei einem Plattenhändler, der auch einen eigenen Laden besaß und immer die aktuellsten Sachen etwas günstiger anbot. Ich hatte den Song erstmals in der Eishalle gehört und den DJ gefragt, wer das denn sei. Shazam ging damals ja noch nicht.. Härter, wenn auch nicht im Sinne von Punk/Hardcore, wurde es erstmals mit der „Triumph and Agony“ von Warlock 1987, „All We Are“ lief damals bei mir rauf und runter. Dann ging es für mich so richtig erst mit der „Punk in Drublic“ von NOFX los, also Mitte der 90er. Melodycore war definitiv die Einstiegsdroge.

GETADDICTED: Wie hast du dein erstes Interview in Erinnerung? Mit wem war das? Warst du aufgeregt? Wie isses verlaufen?
Torben: Puh, ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau. Damals schrieb ich zumindest noch für das Mainstage-Magazin. Viele Interviews liefen damals schon recht unspektakulär via eMail. Eines der früheren Face-to-Face-Interviews war jedenfalls mit Anti-Flag und natürlich war ich aufgeregt. Mein Gesprächspartner war jedoch total entspannt und richtiger Medienprofi, kreierte eine angenehme Atmosphäre und umschiffte gekonnt die ein wenig kritischeren Fragen. Naja, irgendwie war er mir dann auch gleich so sympathisch, dass ich gar nicht mehr so kritisch war, haha.

GETADDICTED: Wie war die skurrilste Interview-Situation, die dir im Laufe der Jahre passiert ist?
Torben: Ich hatte einmal ein Telefoninterview, welches irgendwie komplett in die falsche Richtung lief. Ich dachte, ich wär recht gut vorbereitet, wusste aber nicht von einer doch recht schweren Krankheit meines Interviewpartners, die ihn häufig am Reisen hinderte. So kam es zu sehr vielen unangenehmen Momenten und Pausen in dem Gespräch, und ich denke, wir waren beide froh, als es vorbei war.

Anti-Flag, Foto: Christoph VolkmerGETADDICTED: Was war die erste Platte, die du für Allschools rezensiert hast? Musstest du am Anfang immer das rezensieren, was die „Älteren“ übrig gelassen haben?
Torben: Es war auf jeden Fall keine Perle und ich kann mich leider nicht entsinnen. Vielleicht möchte ich aber auch nicht, dass Du hier auf besagtes Review verlinkst..haha. Aber auch bei Allschools, wie bei den meisten anderen Magazinen, muss man sich erst durch Motivation und natürlich auch Qualität beweisen. Es ging dann einigermaßen schnell, dass ich die interessanteren Releases bekommen habe. Man muss schon eine gewisse Ausdauer an den Tag legen.

GETADDICTED: Wie hat sich Musikhören für dich durch Allschools verändert – oder auch durch die Zeit? Ich hab früher auch mal Platten blind gekauft, weil die Bands in den Danksagungen auf anderen Alben standen, oder weil der Sänger von XY bei einem Song mitsingt. Heute ist alles jederzeit verfügbar und man kann sich alles anhören. Oder kriegt Sachen geschickt, die man vielleicht sonst nie entdeckt hätte.
Torben: Musikhören hat sich über die Jahre komplett geändert. Lief man früher noch in den Plattenladen und verbrachte den halben Nachmittag damit, sich durch neue Alben zu hören oder einfach nur die Platten zu hören, die man sich grad nicht leisten konnte, durchforstete man später aufmerksam die Weiten des Internets auf der Suche nach der nächsten Lieblingsband. Mit dem Magazin hat sich das ganz schön geändert. Man wird bombardiert von unzähligen und häufig auch sehr unbekannten Releases. Man kämpft damit, den Überblick zu behalten. Die Halbwertszeit einzelner Alben hat sich meiner Meinung nach extrem verkürzt. Aufgrund der Masse von Eindrücken schaffen es die wenigsten Releases längerfristig auf Rotation. Man muss sich ja auch schon wieder mit dem nächsten Thema beschäftigen.
Derzeit entdecke ich jedoch viele neue Bands durch den Austausch mit Freunden. Viele haben einen ähnlich gearteten Musikgeschmack und viele sind doch irgendwie redaktionell tätig. Dann gibt es doch immer wieder Leser, die einen mit der Nase auf die eine oder andere neue Band stoßen. Es bleibt also spannend.

GETADDICTED: Welche Band ist deiner Meinung nach total unterbewertet? Ich denke ja, du hast auch manchmal den Drang, Leute zu missionieren, nach dem Motto: JETZT HÖRT EUCH DIESE BAND AN UND FINDET DIE GEFÄLLIGST SO GUT WIE ICH!!!
Torben: Derzeit laufen bei mir APOLOGIES, I HAVE NONE rauf und runter, aber sie kommen ja im Herbst das erste Mal auf Tour. Bin sehr gespannt und HÖRT SIE EUCH GEFÄLLIGST ALLE AN!

GETADDICTED: Du warst ja selber mal kurzzeitig Chefredakteuer eines Print-Magazins (und ich war dein „unbezahlter Untergebener“, haha). Gab es jemals Überlegungen, Allschools auch in anderer Form (Print, Radio, Fernsehen, wie auch immer) herauszubringen oder zu versuchen, das ganze professionell (also hauptberuflich) zu betreiben?
Torben: Die Episode als Chefredakteur eines Printmagazins war der Versuch, gegebenenfalls wirklich in den Musikbereich einzusteigen und sich ein weiteres Standbein zu schaffen. Obwohl ich Chefredakteur war, konnte ich jedoch nicht so frei walten, wie ich es von Allschools gewohnt bin. Peter (Co-Chefredakteur, Anm.) und ich hatten eine gewisse Vision für das Magazin. Jene wurde aber gerne torpediert, wenn jemand nur mit dem richtigen Anzeigenbudget um die Ecke kam. Auch musste sich das Zine von der ersten Ausgabe an finanziell tragen, sprich selbst finanzieren. Da wurde nicht gesagt „Torben, ich gebe Dir für das erste halbe Jahr oder die ersten x Ausgaben freie Hand und danach muss das Ding so langsam mal laufen“. Als die von mir gewählten Titel oder Inhalte das eine oder andere Mal aus eben jenen Gründen gekippt wurden oder eine fertige Ausgabe einfach nicht in den Druck ging, weil noch nicht genug Anzeigen verkauft wurden, war für mich schnell klar, dass mir meine Online-Welt doch deutlich lieber ist. Aber man muss schon sagen, dass Label und Promoagenturen den Printmagazinen damals mehr Aufmerksamkeit schenkten als der Online-Fraktion.
Allschools soll und sollte jedoch nie hauptberuflich betrieben werden. Da es ein Hobby und eine Leidenschaft ist, möchte ich keine monetären Interessen damit verknüpfen. Ich befürchte, dass dadurch relativ schnell der Spaß an der Sache verloren geht. Auch möchte ich niemals in die Bredouille kommen, Färbungen von Artikeln aufgrund von Anzeigenschaltungen zu überdenken, und wir sind gerne mal ein wenig kritisch :-)
Dass das Ganze dann doch recht groß geworden ist, war nicht wirklich abzusehen. Aber dafür wird ja mittlerweile auch ein Großteil der Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt und ohne Clement oder das restliche Kernteam wäre die ganze Sache in der Form auch gar nicht mehr zu bewerkstelligen.

Allschools 2004GETADDICTED: Liest du eigentlich regelmäßig andere Musikpublikationen? (Und jetzt sag nicht GETADDICTED, sonst veröffentliche ich nachträglich peinliche Fotos von dir auf GETADDICTED-Partys)
Torben: Ich lese mittlerweile ehrlich gesagt wesentlich selektiver. War es mir früher wichtig, einen Überblick zu behalten, lese ich jetzt primär das, was mir persönlich gefällt und auch fast nur dort, wo es mir gefällt. Oder es stammt von einem Redakteur, der einem zusagt – mit der Zeit lernt man ja den einen oder anderen „Kollegen“ und seine Ansichten schätzen.
Natürlich bin ich gelegentlich auch auf eurer Seite, aber dann auch nur um zu gucken ob ihr mich nicht zufällig des nachts auf der GETADDICTED-Party abgelichtet habt. :-)
Ansonsten nehme ich gerne die TESTCARD in die Hand, häufig das FUZE und gelegentlich die VISIONS.

GETADDICTED: Du bist ja auch nicht mehr der Jüngste. Wie lange willst du den ganzen Scheiß eigentlich noch machen?
Torben: Haha, ich denke die Frage sollten wir uns beide stellen (Deswegen hab bich ja "auch" geschrieben ;), Anm. d. Verf.). Vor gar nicht allzu langer Zeit hörte ich bereits, ich sei zu alt für „Hardcore“. Interessanterweise von einer Person, die direkt nach dem Studium die eigenen journalistischen Aktivitäten komplett an den Nagel hängte…
Aber mal im Ernst, solange es mir Spaß bereitet, sehe ich keinen Grund aufzuhören und solange Clement noch im Team ist, bin ich auch bei weitem nicht der Älteste.

Allschools Birthday BashGETADDICTED: Ihr veranstaltet zu eurem 15. Geburtstag ein Festival. Wer würde da noch alles spielen, wenn ihr nicht nur finanzielle, sondern auch übermenschliche Ressourcen hättet – also dead or alive?
Torben: Ich bin ja Freund der kleinen Clubshows und das Underground hat für mich die ideale Größe für so eine Veranstaltung. Auf so eine Bühne passt entsprechend auch nicht jede Band. Für mein ideales Package würde ich mir aber definitiv noch KID DYNAMITE, CHAMPION, SHOOK ONES und MODERN LIFE IS WAR dazu bestellen. Aber auch so ist es ein tolles Line-Up.

 

ALLSCHOOLS Birthday Bash - 15 Jahre Allschools
Samstag, 04.08.2012
Beginn: 16:00 Uhr

Köln – Underground

Line-Up

VERSE
NO TURNING BACK (exclusive 15 years anniversary show)
RITUAL (vorletzte show ever!!)
AYS
SOUL CONTROL
THE COLD HARBOUR
EMPTY HANDED
WHITE FIELDS
GET IT DONE

 

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